Laudatio Daniel Schneider

Laudatio Daniel Schneider

Sehr geehrte Damen und Herren

Gut hat es ein Rednerpult (da kann man sich festhalten, wenn man so nervös ist wie ich es im Moment bin). Das ist meine erste Laudatio. Es kann überall mal eine Panne geben. Manchmal ist es gar keine Panne, sondern eher eine Überraschung. Oder so ähnlich. Man ist zuerst überrumpelt. Aber als Stage manager muss man flexibel sein.

Und manchmal kommt es gut. Ich erinnere mich an das Ende einer Federlos-Vorstellung. Es war ein warmer Sommerabend, Gegen Ende der 80er Jahre, in Biel, vorne am See, auf dem Strandboden, dort wo später die Expo stattfand. Die Vorstellung war schon zu Ende, der Applaus hielt an, das Licht auf der Bühne gelöscht. Die Leute wollten einfach nicht aufstehen, als plötzlich der Zirkusarbeiter auf der Bühne auftauchte: Blauer Overall, Gummistiefel, schwarzes Tschäppi, Zigarettenstummel im Mundwinkel, mit grossem Besen ausgerüstet.

«Es ist fertig, ich bin nur am aufräumen» sagte der kleine Mann in der Manage und redete einfach weiter. Der Arbeiter erzählte – im Zelt wurde es wieder still – der Arbeiter erzählte allerlei, aus seinem Leben, zum Beispiel, dass man als Zirkusarbeiter Glück habe, weil man am Nachmittag in der Regel frei habe.

Die Zuschauer hielten inne.

Er erzählte weiter – von seiner Badehose – kam dann auf den See zu sprechen – dass es besonders schön sei, wenn man an einem See gastiere. Dass man da auch mal in den See baden gehe ... Er erzählte von Sonnencrème, von Sonnenbrillen, von Badetüchern und dass er am freien Nachmittag tatsächlich baden gegangen sei. Es sei schön gewesen im See, warm, planschig eben ... und dann war die Idee da: Die vier grossen afrikanischen Zirkuselefanten sollten auch im Bielersee baden.

Meine Damen und Herren, die Details der Elefantenbadestory müsste Ihnen schon der Zirkusarbeiter Ueli Bichsel persönlich erzählen. Denn dass kann nur Ueli Bichsel.

Nach der Elefantenstory kreuzten sich unsere Wege immer wieder. Ueli Bichsel hat mich in diesen fünfundzwanzig Jahren überrascht, gepackt, aber auch tief berührt.

Als Veranstalter habe ich Ueli Bichsel regelmässig genauso überraschend erlebt, wie in der Rolle des Zirkusarbeiters. Ob dies als Helium konsumierender Gott war, als sieben mal Lebenslänglicher, als Jesus am Kreuz – dies bleibt für mich übrigens das einzige Mal, wo dem Theater eine Demo voranging: fundamentalistische Christen waren mit der Darstellung der Ostergeschichte der Lufthunde gar nicht einverstanden – oder als sterbender Raucher im Bett. Immer wieder schaffte er und natürlich seine Mitspielerinnen und Mitspieler es, mich in eine Fantasiewelt zu entführen. Und doch entdeckt man immer wieder Alltägliches oder Situationen, welche den Alltag widerspiegeln, wo man sich selber wiedererkennt und über sich selber lacht.

Wer badete an jenem freien Nachmittag in Biel tatsächlich alles im See? Waren die vier Elefanten wirklich dabei? (Die Geschichte stimmt – oder sie ist zumindest stimmig.)

Ob als Clown in der Rolle des Zirkusarbeiters mit den vier Elefanten, ob als Bühnenbildner für die Acapickels, ob als Regisseur, ob als Konstrukteur oder einfach als Freund, wenn wir zuhinterst im Tessin an der Maggia sind und es darum geht, meinen geliebten, unter meiner Last zusammen gebrochenen Campingstuhl zu flicken: Ueli Bichsel hat immer eine Idee. Die Idee wird umgesetzt. Sofort. Wenn die Idee da ist, kann alles andere warten.

Lieber Ueli, seit der Vorstellung als Zirkusarbeiter vor fünfundzwanzig Jahren habe ich dank dir viel gelacht, manchmal auch nur leise geschmunzelt, manchmal auch gegröhlt. Du hast mich aber auch viel zum Nachdenken gebracht, diese Seite geht fast noch tiefer.

Ich liebe sie alle, deine vielen unterschiedlichen Rollen mit den unterschiedlichen Gesichtern und Charakteren.

Ich freue mich schon heute auf dein nächstes Projekt, aus welchem wieder ein ganz neuer Ueli Bichsel hervorgehen wird.

Lieber Ueli, ich gratuliere dir ganz herzlich!