Laudatio Fredi M. Murer

Lieber Ueli

Vorweg möchte ich dir für dein blindes Vertrauen danken, mich als Laudator auserkoren zu haben, obschon du genau weisst, dass ich ein sehr ernsthafter Vertreter der weitgehend humorfreien Schweizer Filmszene bin. Wobei dieses Prädikat eigentlich nur auf die Komödien zutrifft.

Aber lassen wir das. Denn ich habe nur fünf Minuten Zeit – inklusive Auftritt, Applaus und Abgang – um hier dein 30-jähriges Lebenswerk zu würdigen. Darum muss ich deine ersten 28 Lebensjahre ignorieren und einen gewaltigen Zeitsprung in die frühen 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts machen.

Weil du schon alles weisst, wende ich mich nun an die Festgemeinde.

Damals tobte in Zürich gerade jene Auf- / Um- / Abbruchstimmung, die in den Geschichtsbüchern unter «Globuskrawall» abgebucht wird.

In diesem Durcheinander suchte ein junger Mann Namens Ueli Bichsel seinen Platz in der Gesellschaft – und vielleicht auch sich selber. Er hatte jedenfalls bereits ein Diplom als Bauzeichner und Krankenpfleger in der Tasche und dazu noch einen Bachelor of Sozialarbeit.

Frei nach dem Motto «Zuerst kommen immer die andern, aber jetzt umso: ich!» erklärte er sein Pflichtprogramm als erfüllt. Nun war die Kür angesagt.

Ohne akademischen Umweg – oder zeitraubende Assistenzen – übernahm er aus dem Stand heraus gleich die Regie eines Theaterstücks, Titel «Die Lufthunde». Ein Clownstück in dem es um Anarchie, Autonomie und Unten gegen Oben in der Gesellschaft ging.

Die freie Theatergruppe, welche ihn engagierte, nannte sich «Zwischen den Zeilen Theater». Sie hatten zum Ziel, allem Unausgesprochenen auf den Grund zu gehen. Angeworben wurde Ueli von Marcel Joller der, wie die andern zwei Akteure, Hans-Peter Horner und Eric Rohner, die École Jacques Lecoq in Paris absolviert hatte.

Nach vollbrachter Regiearbeit ging Ueli wieder seine eigenen Wege und gründete zusammen mit Marcel Joller eine neue Theatergruppe mit dem – seinen vormaligen Arbeitgebern – geklauten Namen «Die Lufthunde».

Ihr erstes Stück trug den Titel «Der Regisseur ist tot, wir spielen trotzdem», welches übrigens ein einziges Mal aufgeführt wurde. Offenbar musste Ueli seinen inneren Regisseur vorübergehend für tot erklären, damit dieser ihm in Ausübung seiner zweiten Berufung als Schauspieler nicht in die Quere kam.

Hingegen schlug das zweite Stück wie eine Bombe ein. Ausgangspunkt war ihre intensive Auseinadersetzung mit Camus, Beckett und Artaud. Ihr Ehrgeiz war, diese drei wortgewaltigen Zeitgenossen mit möglichst wenig Worten auf die Bühne bringen. Kombiniert mit ihrem Hang zum Absurden und Tragischkomischen wurde daraus – wie eben gesehen – das legendäre Stück «Der Kühlschrank».

Diesem folgten: «Auf Reisen», «Die Rückkehr», «In Gefangenschaft», «2226» und «Ypsilon» mit denen sie auf Tourneen in Europa und Afrika unterwegs waren.

Parallel dazu war Ueli massgeblich an der Gründung und Konzeption des «Zirkus Theater Federlos» beteiligt. Ein Kollektiv, innerhalb dem er mit Marcel das berühmte Clown-Paar Knill & Knoll verkörperte. Volle 13 Jahre hielten sie sich die Treue.

Als sich «Die Lufthunde» 1998 in Luft auflösten, tourte Ueli mit Gardi Hutter und dem Stück «Das Leben ist schon lustig genug» ein Jahr lang durch die Lande. Und die darauf folgende Saison 2000 verbrachte er mit Gardi in der Manege des Circus Knie.

2001 folgte dann sein abgründig-autobiographisches Familiendrama «Log.» (von und mit Ueli Bichsel.)

Das Jahr 2003 wurde zu einem künstlerischen Schicksalsjahr. Als er nämlich die Gesamtregie für den Circus Monti übernahm, begegnete er dort der amtierenden Clownin Silvana Gargiulo.

Eine exklusive Fusion nahm ihren Anfang.

Die erste Blüte dieser kreativen Allianz erschien unter dem Titel «Pec and Fevvers» und die zweite unter «Ex-hübenwiedrüben». Für mich die zwei schönsten Beziehnungs-Symbiosen aller Zeiten mit ebenso poetischem wie radikalem Ausgang.

Der ehemalige Beckett-Verehrer war nun im Begriff, selber einen Verehrer-Kreis um sich zu scharen, dem ich auch angehöre. Allerdings herrscht unter uns grosse Uneinigkeit, wie viele Schubladen eigentlich sein «Corpus universalis» aufweist, denn nebst Stückeschreiber, Komiker, Schauspieler, Bühnenbildner, Requisitenmechaniker, Tüftler, Baumfäller, Bootsbauer, Baumeister, Clown-Ausbildner, Work-Shoper, Paartherapeut, Frauenversteher und Väterchen ist er ja auch noch Maler mit Atelier in Paris.

Und zu allem hinzu: immer in Begleitung schöner Frauen.

Aus Zeitgründen muss ich hier leider auf eine längere Aufzählung von Kozept- und Regiearbeiten für befreundete Bühnenkünstler verzichten. Aber die Betroffenen sind ja eh hier alle anwesend.

Lieber Ueli, nun feierst du dein 30-Jahre-Bühnen-Jubiläum. Und zu diesem historischen Anlass wird dir in wenigen Minuten der «Schweizer KleinKunstPreis der ktv» überreicht, nämlich der «Goldene Thunfisch».

Ein schöner, stromlinienförmiger Fisch nota bene, der als schneller und geselliger Schwimmer in Schwärmen die Weiten der Weltmeere durchquert und, zum besseren Vorankommen, sich jede ihm bietende Strömung zunutze macht.

Als dein langjähriger Freund und Fan deiner Koch- und Bühnenkünste, fühle ich mich verpflichtet, dir in letzter Sekunde die trockene Frage zu stellen, inwieweit du dich mit einem Thunfisch überhaupt identifizieren kannst, nachdem du dein Leben lang – wie eine Bergbach-Forelle – gegen den Strom geschwommen bist.

Als Entscheidungshilfe kann ich dir jetzt höchstens noch einen Satz von deinem Kollegen Graucho Marx zustecken, der noch zu Lebzeiten gesagt haben soll, ich zitiere «Es würde mir nicht mal im Traum in den Sinn kommen, einem Klub beizutreten, der jemanden wie mich als Mitglied aufnehmen würde».

Ueli, ich danke dir – auch im Namen aller Anwesenden – für alles, was du uns mit deiner Kunst und deinem Wesen geschenkt hast.

Ich danke fürs Zuhören.