Grosse Schweizer KleinKunst
Im Casinotheater Winterthur fand am Schweizer KleinKunstTag, Montag, 13. September 2010, die Buchvernissage «Grosse Schweizer KleinKunst» statt.
Höhepunkt bildete die illustre Talkrunde: Moderiert von Verlegerin Anne Rüffer unterhielten sich Andreas Thiel (Kabarettist, Satiriker), Bernie Schürch (Mummenschanz), Franz Hohler (nach eigenem Bekunden alt-Kleinkünstler), Fritz Bisenz (Acapickels, Gessler Zwillinge), Jean Grädel (Schauspieler, Regisseur), Jürg Jegge (Liedermacher), Nadja Sieger (Ursus & Nadeschkin), und die Buchmacher Peter Bissegger, Martin Hauzenberger und Manfred Veraguth über die grosse Schweizer KleinKunst. Musikalisch umrahmt wurde die Gesprächsrunde von Les Papillons.
Im Buch «Grosse Schweizer KleinKunst» erweisen Peter Bissegger, Martin Hauzenberger und Manfred Veraguth der Schweizer KleinKunst die Ehre: Spannende Dokumente und erlesene Fotos aus über fünfzig Jahren Kabarett, Chanson, Theater & Co. illustrieren das Entstehen und Wachsen der Schweizer KleinKunst so, dass selbst Kenner der Szene überrascht und verblüfft sein dürften. Erzählt wird das Wichtigste über alle prägenden Künstler, Veranstalter und Veranstaltungsorte von den Anfängen bis heute – mit vielen Anekdoten und Gastbeiträgen von Dimitri bis Ursus & Nadeschkin.
Hier gehts zur Bildergalerie der Vernissage
Und hier gehts zu den Leseproben:
Andreas Thiel
Bernie Schürch, Mummenschanz
Gardi Hutter
Nicolas Baerlocher
Ursus & Nadeschkin
«Grosse Schweizer KleinKunst», Sachbuchverlag Rüffer & Rub, 352 Seiten, Hardcover, 48 Franken oder 36.50 Euro, ISBN 978-3-907625-50-7, Buchbestellungen direkt hier oder info@ruefferundrub.ch
Andreas Thiel
Herr Thiel & Herr Sassine gingen nach Berlin. Unsere Premiere fand in der «Brotfabrik» am Prenzlauer Berg statt. Wir hatten vier Zuschauer. Drei davon hatten ihre Eintrittskarten am Radio gewonnen. Der Vierte hatte auch nichts bezahlt. Er war Kritiker.
Zwei Tage später erschien in «Neues Deutschland» die erste Kritik: «Das war Tells Geschoss». In den folgenden zwei Wochen spielten wir noch täglich in der Brotfabrik. Die Zuschauerzahlen variierten zwischen drei und siebzehn. Es war Winter. Das Theater war so kalt, dass Jean Claude jeden Abend vor der Show die Tasten des Klaviers mit einem Fön wärmen musste.
Mit hervorragender deutscher Presse kamen wir dann zu den ersten Engagements in der Schweiz. Fredy Heller holte uns nach Basel ins Theater im Teufelhof. Die Kritik in der Zeitung war miserabel. Heller gab der Kritikerin Hausverbot: Er erwarte von einer Kritik, dass sie mindestens so gut sei wie das Kritisierte.
1998 traten wir in Morges zum ersten Mal an der Schweizer Künstlerbörse auf. In der Ausstellung stand eine weisse Stellwand mit unseren Namen drauf, von der wir nichts wussten. Dort sammelten sich nach unserem Auftritt ratlose Veranstalter, während wir hinter der Bühne den anderen Künstlern zuschauten.
Noch im selben Jahr wurde bekannt, dass wir 1999 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet würden. Wir waren glücklich.
Bernie Schürch, Mummenschanz
Wir hatten genug von den weissen Gesichtern der damaligen Pantomimen – von Marceau und Fialka und all diesen Mimenkoryphäen. Zuerst versuchten wir es ebenfalls mit dieser Art von Pantomime, aber wir sahen bald, dass wir damit keinen Erfolg hatten.
Und so sagten wir damals in den 1968er-Jahren: Wir reissen die Pantomime von ihrem Sockel und täuschen nicht wie sie Realität vor. Aber selbstverständlich profitierten auch wir von den Grossen der Mime. Denn die Leute hatten durch sie festgestellt: Man kann auch einfach schauen. Das reicht. Vom Schauen bekomme ich alles.
In Paris hatte das Umdenken begonnen. Andres Bossard und ich sagten uns: Schau mal dieses Fernsehen, das saugt alle Energie aus den Menschen heraus und lässt sie leer zurück. Dem müssen wir etwas Starkes gegenüberstellen: statt Fernsehen sollen sie sich Mummenschanz anschauen.
Gardi Hutter
Im Mai 1981 ist «Die tapfere Hanna» auf die Welt gekommen. Ich war damals in Italien und habe das Stück an vielen Quartierfesten, in Theatern, in Garagen, einfach überall gespielt. Nach zwei Jahren Exil dachte ich, ich könnte die Hanna doch auch in der Schweiz auf die Bühne bringen.
Damals war die Schweizer Künstlerbörse in Langenthal zu Gast und meine Bewerbung wurde berücksichtigt. Ich erinnere mich noch heute an die riesige Garderobe. Da waren etwa zehn oder fünfzehn Künstlerinnen, die sich auf den Auftritt vorbereiteten. Alle schminkten sich und wurden immer schöner, und ich schminkte mich ebenfalls und wurde immer hässlicher.
Dann hatte ich das Glück, dass vor mir ein eher langweiliges Tanztheater dran war, das die Stimmung im Publikum eher dämpfte. Als ich mit der Hanna auf die Bühne kam, wirkte das wie eine Paukenschlag. Die Leute wurden geweckt. Wenn ein Clown auf die Bühne kommt, dann muss es gleich funken, ob das Publikum Kinder oder Erwachsene seien: der Funke muss sofort springen.
Ich konnte damals an Schweizer Künstlerbörse in Langenthal nur den Anfang spielen, denn nach einer Viertelstunde wurde, wie üblich, das Licht ausgeblendet. Aber ich erhielt sofort zehn bis fünfzehn Engagements. Ich hatte natürlich noch keine Agentur und musste alles auf die Rückseite eines fotokopierten Plakats notieren. Ich besass auch kein Geld und musste zuerst auf Pump ein Occasionsauto kaufen, damit ich überhaupt auf Tournée gehen konnte.
Nach diesem Auftritt an der Schweizer Künstlerbörse hatte ich mit der Zeit mehr Anfragen, als ich überhaupt je spielen konnte. Die Warteliste für Engagements war so lang, dass ich nie mehr an einer Künstlerbörse auftreten musste.
Nicolas Baerlocher
Ich war ein Schwieriger am Anfang. Meine Mutter hat mich mit 19 zu erstem Mal in ein Kleintheater mitgenommen. Ins Theater am Hechtplatz in Zürich an die Eröffnungspremiere von «Eusi chliini Stadt». Die Leute haben sich blendend amüsiert und meine Mutter hat furchtbar gelacht. Nur ich, als arroganter junger Mensch, fand: «… na ja, so wahnsinnig war das nun auch schon wieder nicht.» Ich hab ihr das auch gesagt, was sie wahrscheinlich sehr geschmerzt hat, denn sie wollte mir ja eine Freude machen.
Jahre später wurde ich angefragt, ob ich als Beamter im Präsidialdepartement der Stadt Zürich möglichst sofort das Hechtplatztheater übernehmen könne, weil mein Vorgänger einen Ruf ans Opernhaus erhalten hatte. Und ich, keck und unerfahren, sagte zu und musste damit natürlich auch bereits abgeschlossene Engagements übernehmen. Zum Beispiel den bekannten und anspruchsvollen Kabarettisten Franz Josef Bogner aus München. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Das Publikum blieb aus und die Presse reagierte zurückhaltend. Als junger und unerfahrener Theaterleiter dachte ich, dass es so nicht weitergehen könne. Ich sagte dem sehr höflichen Herrn Bogner, dass wir das Gastspiel besser abbrechen sollten. Er reagierte zurückhaltend und bat, am nächsten Tag nochmals darüber sprechen zu können.
Am nächsten Morgen erhielt ich ein Telefon von Emil Steinberger. «Herr Baerlocher, sie haben das Hechtplatztheater erst vor ein paar Tagen übernommen. Ich kenne sie nicht und will mich nicht in ihr Geschäfte einmischen, aber ich muss ihnen sagen, dass sie das so nicht machen dürfen. Ein Theater muss hinter seinen Künstlern stehen, ob es gut oder schlecht geht. Sie dürfen den Vertrag mit Herrn Bogner nicht einfach auflösen.» Das habe ich dann gemacht und bin dem Emil bis heute dankbar. Wir sind gute Freunde geblieben.
Nicolas Baerlocher: von 1976 bis 2002 Leiter des Theaters am Hechtplatz Zürich
Ursus & Nadeschkin
Als wir 1987 unseren ersten Auftritt hatten, an der Seepromenade in Zürich, vor 20 Passanten und einem Hund, wussten wir noch nicht, dass es eine KleinKunstSzene gibt.
Heute, 23 Jahre, 3'017 Auftritte, etwa 2'036'807 Zuschauer und bestimmt auch etliche Hunde später, blicken wir für dieses Buch zurück, denn: Ursus & Nadeschkin sind in der KleinKunst gross geworden.
Wir staunten nicht schlecht, damals, 1989 an der Schweizer Künstlerbörse in Brig, wo wir zum ersten Mal einer grossen Ansammlung von Theaterleuten voller Kreativität und Enthusiasmus begegneten. Wir sassen im Publikum und waren mit unserer Leidenschaft plötzlich nicht mehr allein.
Ein Jahr später, in Olten, wagten wir selber den Sprung auf die Bühne, schwitzten um die Gunst der Veranstalter und Kollegen, gaben alles und freuten uns schliesslich wie Kinder, als unser Kurzauftritt fruchtete: unser erster eigener Spielplan mit Auftritten in Schwyz, Altdorf, Zofingen, Zug und Brig.









