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Bernie Schürch Mummenschanz Das grosse Exklusiv-Interview

Mummenschanz-Gründungsmitglied und ktv-EhrenPreisTräger Bernie Schürch im Interview mit Annika Bangerter.

Bernie Schürch, das Mummenschanz-Urgestein, geht in «Pension» und verabschiedet sich mit der 40-Jahre-Jubiläumstournee und einer BenefizGala zu Gunsten von ktv und Schweizer Künstlerbörse von der Bühne.

Fotos: Sabine Burger

Teil 1: Mummenschanz und ihr Schaffen

Woher nehmt ihr die Ideen für eure Figuren, die wortlos eindrückliche Geschichten oder Situationen erzählen?

Bernie Schürch: Die kann man nirgendwo hernehmen. Es gibt keinen Garten, wo man sie pflücken kann. Es sind vielmehr grundlegende Überlegungen zum Theater. Im Zuge der Aufbruchsstimmung der 70er-Jahre wollten wir eine zeitgenössische Alternative zu der herkömmlichen oder institutionellen Bühnenkunst erarbeiten und dadurch neue Voraussetzungen schaffen. Die spielerische Seite ist in jedem Menschen – bei Kindern zuvorderst, bei Erwachsenen teilweise zugedeckt. Diese wollen wir mit unserer Kunst hervorholen. Wir wollen die Leidenschaft ankurbeln und die Menschen über unsere Figuren mit ihrer eigenen Phantasie in Kontakt treten lassen. Dafür eignen sich die elementaren Gefühle. Wir versuchen grundlegende und sprachlich unabhängige Emotionen auszudrücken, um so in einen Dialog mit dem Publikum treten zu können. Diese Erkenntnis war damals für uns essentiell. Darauf aufbauend mussten wir Materialien für Masken und Kostüme finden. Und wir fanden sie hinter den Fabriken, auf den Strassen und in den Abfallbergen unserer Konsumgesellschaft. Die Ausdrucksmöglichkeiten schienen unbegrenzt.

Was steht am Anfang bei der Entwicklung einer Bühnennummer: die Requisite, die Botschaft oder die Figur?

Diesbezüglich ist bei uns alles möglich, wir sind nicht an eine Vorgehensweise gebunden. Die Zeit, wo wir im Atelier experimentiert haben, liegt lange zurück. Da wir stets unterwegs sind, arbeiten wir zur Zeit in den Theatern und gehen nach dem Grad der Dringlichkeit einer neuen Idee vor. Wenn wir merken, dass wir darüber nicht mehr nur reden oder Skizzen anfertigen können, suchen wir einen Körper oder eine Figur. Dabei orientieren wir uns an den funktionierenden Momenten. Es gibt keine konkreten Aussagen, sondern vielmehr Augenblicke, die berühren. So wachsen die Nummern auch stets weiter. Mummenschanz verfügt nicht über abgeschlossene Partituren, sondern ist ein fortwährender Prozess.

Worin liegt das Geheimnis eurer Figuren und Geschichten, die universell und von Klein wie Gross verstanden und begeistert aufgenommen werden?

Das Finden einer universellen Sprache war die Voraussetzung, um Theater ohne Worte machen zu können. Indem wir auf die Sprache verzichten wollten, mussten wir einen anderen Weg finden, Emotionen zu wecken. Wir folgten dabei der Maxime der Vereinfachung. So filtern wir das Minimum heraus und verpacken es multipel. Das kann wiederum unabhängig von Alter oder kulturellem Hintergrund aufgenommen werden. Die abstrakte Figur erzählt dabei nichts, die Geschichte macht ganz alleine das Publikum. Es verbalisiert das Gesehene und somit unser Spiel. Das ist anspruchsvoll, weshalb auch wir bis heute vor den Shows noch Lampenfieber verspüren. Wir wissen nie im Voraus, wie gut die Kontaktaufnahme und der Dialog mit dem Publikum funktioniert.

Was ist, respektive war der Antrieb für die klare Linie von Mummenschanz in Bezug auf ihre Bühnenkunst – war eine Erweiterung durch sprachliche Elemente oder Musik auch einmal Thema?

Wir haben zu Beginn noch mit der Sprache oder der Musik gearbeitet und improvisiert. Dabei stellten wir aber fest, dass alles Zusätzliche nur vom Wesentlichen ablenkt. So teilt man sich den Ausdruck plötzlich mit der Musik. Unserem Credo des Minimierens zufolge, passte dies nicht zu unseren Nummern. Die Einfachheit steht im Zentrum.

Wie findet ihr jeweils das passende Material für die entsprechende Figur?

Meistens gibt es Versuchsphasen, wobei sich das passende Material gegenüber den ausgesetzten Strapazen behaupten muss. Auch die Verarbeitungstechnik spielt eine wichtige Rolle. Besonders fasziniert sind wir von Gegenständen aus der alltäglichen Umgebung. Jeder hat schon Lehm oder WC-Papier angefasst. Es ist schön zu sehen, wie dieses Material durch das Spiel Menschliches auszudrücken vermag.

Teile 2 und 3 folgen
Interview: Annika Bangerter
Fotos: Sabine Burger
mummenschanz.com

Mummenschanz feiern ihren 40. Geburtstag mit einer BenefizGala

Zu Gunsten der  ktv – Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen, Schweiz, und der Schweizer Künstlerbörse der ktv.

Die grosse BenefizGala von Donnerstag, 29. März 2012, bildet im Rahmen der Mummenschanz Jubiläumstournee den Startschuss zur 53. Schweizer Künstlerbörse.

Nutzen Sie die Gelegenheit, Gründungsmitglied und ktv-EhrenPreisträger Bernie Schürch ein letztes Mal live zu erleben; das Mummenschanz-Urgestein geht in «Pension» und verabschiedet sich mit der 40-Jahre-Jubiläumstournee von der Bühne.

Für Leserinnen und Leser von ktv.ch gibts jetzt Tickets zum KombiTarif für die BenefizGala von Mummenschanz und für die PreisGala mit der Verleihung von Schweizer KleinKunstPreis und Schweizer InnovationsPreis.

Bild 4: Bernie Schürch, Mummenschanz-Gründer
Bild 5: Floriana Frassetto, Mummenschanz-Gründerin

Termine

  • Mummenschanz BenefizGala
    Donnerstag, 29. März 2012, 20.00 Uhr, Kultur- und Kongresszentrum KKThun.
  • PreisGala zur Eröffnung der 53. Schweizer Künstlerbörse:
    Donnerstag, 12. April 2012, 20.30 Uhr, Kultur- und Kongresszentrum KKThun.

Tickets

  • KombiTicket, 115 Franken
    Platz der 1. Kategorie für Mummenschanz BenefizGala und für PreisGala
  • KombiTicket Plus, 135 Franken
    Platz der 1. Kategorie für Mummenschanz BenefizGala und für PreisGala 
    + Apéro vor der BenefizShow inbegriffen
    + AfterShowDrink mit Künstlerinnen und Künstlern von Mummenschanz 
    inbegriffen
  • KombiTicket Extra, 155 Franken
    Platz der 1. Kategorie für die Mummenschanz BenefizGala und für PreisGala
    + BenefizNachtessen vor der Show inbegriffen
    + AfterShowDrink mit Künstlerinnen und Künstlern von Mummenschanz inbegriffen
  • Nur Mummenschanz BenefizGala
  • 1. Kategorie: 65 Franken
  • 2. Kategorie: 55 Franken
  • 3. Kategorie: 45 Franken 
  • Nur PreisGala
  • 1. Kategorie: 65 Franken
  • 2. Kategorie: 55 Franken
  • 3. Kategorie: 45 Franken

Das Kleingedruckte

  • KombiTickets sind ausschliesslich auf Plätzen der 1. Kategorie erhältlich.
  • Nach Eingang der Reservation wird eine Rechnung verschickt.
  • Nach Eingang der Zahlung wird das Ticket bestätigt, reserviert, und an der Abendkasse bereit gehalten.
  • Ticketpreise gültig bis 31. Dezember 2011.

mummenschanz.ch

Schweizer KleinKunstPreis 2012 der ktv für Pippo Pollina

Seit Jahrzehnten ist der sizilianische Cantautore, der heute in der Schweiz lebt, mit seinen Soloprogrammen europaweit unterwegs. Er hat eine Oper komponiert, und er tourte mit einem Sinfonieorchester durch Italien und die Schweiz. Nun zeichnet die ktv – Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen, Schweiz, Pippo Pollina mit dem Schweizer KleinKunstPreis 2012 aus. Der Preis ist mit 10'000 Franken dotiert und wird am Donnerstag, 12. April 2012, an der PreisGala zur Eröffnung der 53. Schweizer Künstlerbörse der ktv in Thun verliehen.

Pippo Pollina wird 1963 geboren. Er wächst in Palermo (Sizilien) auf und studiert dort an der Universität Jura und gleichzeitig am Konservatorium klassische Gitarre. Er beschäftigt sich mit der Anti-Mafia-Bewegung und arbeitet als Journalist bei der catanesischen Monatszeitschrift «I Siciliani», bis deren Chefredaktor Giuseppe Fava durch die Cosa Nostra ermordet wird. Gemeinsam mit anderen Musikern aus Palermo gründet Pollina die Band «Agricantus». Mit der Band macht er erste intensive Konzert-Erfahrungen in Italien und im Ausland. Ende 1985 verlässt Pippo Pollina Italien, beginnt eine Reise ohne genaues Ziel, um nach drei Jahren Weltreise in der Schweiz zu landen. Heute lebt er in Zürich.

Mehr als 150 Lieder hinterlassen Spuren auf 15 Alben und bei mehr als 3000 Konzerten in Italien, Ägypten, Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland, Luxemburg, Österreich – und natürlich der Schweiz.

Pippo Pollina ist ein Künstler, der ständig in kreativer Bewegung bleibt. Dies zeigt sich auch in schier unzähligen künstlerischen Zusammenarbeitsformen, unter Anderem mit Franco Battiato, Inti Illimani, Georges Moustaki, Nada, Charlie Mariano, Konstantin Wecker, Linard Bardill oder Patent Ochsner. Verschiedene Auszeichnungen musikalischer Wettbewerbe in Italien und anderen Ländern dokumentieren seine Verdienste um die grosse Tradition des italienischen Autorenliedes.

Pippo Pollina füllt nicht nur Konzertsäle, er berührt die Menschen mit der Intensität seiner Musik und der Tiefe seiner Texte. Als Vertreter von authentischer und moderner Italianità und als sozial engagierter Künstler widmet er sich dem Respekt gegenüber dem Individuum, gegenüber der Gesellschaft. Für seine Lieder ebenso wie für sein sozialpolitisches Engagement, für seine musikalische Offenheit und Abenteuerlust, wird Pippo Pollina mit dem Schweizer KleinKunstPreis 2012 der ktv ausgezeichnet.

Text: Tabea Steiner
Foto: Sabine Burger

Billettbestellung PreisGala Donnerstag, 12. April 2012

pippopollina.com

Anne Jäggi wird neue Geschäftsführerin der ktv

Der Vorstand der ktv – Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnenSchweizhat Anne Jäggi als neue Geschäftsführerin gewählt. Sie tritt ihr Amt im Verlauf des Jahres 2012 an.

Anne Jäggi ist seit 2003 Kulturbeauftragte der Stadt Burgdorf und präsidiert die Städtekonferenz Kultur (SKK). Die 40-Jährige hat an den Universitäten Bern und Fribourg Theaterwissenschaft, neuere deutsche Literatur sowie Journalistik und Kommunikationswissenschaft studiert. Mit verschiedenen Publikationen, unter anderem für das Schweizer Theaterlexikon, hat sie in der KleinKunst- und freien Theaterszene sowie darüber hinaus auf sich aufmerksam gemacht. Anne Jäggi lebt mit zwei Kindern im Alter von 10 und 5 Jahren in Biel.

Anne Jäggi (Foto: Sabine Burger) folgt als Geschäftsführerin der ktv auf ...

Claus Widmer

... der die Vereinigung seit dem Jahre 2000 führt. Claus Widmer erreicht im Mai 2013 das AHV-Alter und tritt dann von seinen Funktionen zurück. (Foto: Irene Widmer)

Die Zusammenarbeit zwischen Anne Jäggi und Claus Widmer und eine schrittweise Übernahme der Verantwortung durch die neue Geschäftsführerin werden einen reibungslosen Übergang der Geschäftsführung ktv sicherstellen.

Peter Bissegger

... der seit dem Jahre 1990 dem Vorstand der ktv angehört und die ktv seit 1992 präsidiert, tritt nach der Schweizer Künstlerbörse 2012 als Präsident und Vorstandsmitglied zurück. Über seine Nachfolge wird die Mitgliederversammlung der ktv im Frühsommer 2012 entscheiden. (Foto: Sabine Burger)

(12-2011)

Schweizer Künstlerbörse neu mit visueller und rhetorischer Kunst

An der 53. Schweizer Künstlerbörse 2012 wird die Vielfältigkeit der KleinKunst mit neuen, spartenübergreifenden Projekten erweitert. So wird die Kunst der Rhetorik mit pointierten Reden nach Thun gebracht und die visuelle Kunst zeigt mit Performances innovative Aus- und Einblicke. Interessierte Bewerberinnen und Bewerber können sich noch bis Ende Januar anmelden.

Mit der Schweizer Künstlerbörse verwandelt sich das Kultur- und Kongresszentrum KKThun einmal pro Jahr in ein eigentliches Kaleidoskop des künstlerischen Schaffens verschiedenster Sparten. Dabei stehen die neusten Produktionen der Bühnenkünste im Zentrum der Aufmerksamkeit. Deren Reichtum an Facetten, Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten wird nun um zwei weitere Projekte ergänzt. In Zusammenarbeit mit Visarte, dem Berufsverband der visuellen Kunst, werden neue Plattformen geschaffen, um die rhetorische und bildende Kunst nach Thun zu holen und somit neue Berührungspunkte zu ermöglichen.

In der Manier eines Speakers Corner steht dabei den Teilnehmenden des neuen Programmpunktes «Gutes Reden» ein Podium mit einem Rednerpult und ein Zeitfenster von exakt 3 Minuten und 33 Sekunden zur Verfügung. Das Ziel ist, innert kurzer Zeit viel – im Sinne der Qualität – sagen zu können. Es gibt keine thematischen Vorgaben, vielmehr stehen die Ansprachen und Reden selbst im Zentrum. Gefragt sind sprachliche Innovation und Kreativität, um mit den Reden und Ansprachen Reaktionen zu erzeugen. Innert 27 Minuten und 33 Sekunden können sich die Zuschauer somit von sieben unterschiedlichen Meinungen überzeugen, zum Nachdenken anregen oder zu späteren ausführlichen Diskussionen gewinnen lassen. Die Teilnahme dieses Programmpunktes steht allen interessierten Personen offen und es fallen keinerlei Gebühren an.

Neben den Bühnen der Schweizer Künstlerbörse sind heuer erstmals auch Projekte des Programmpunktes «Perfomances» zu sehen. Dabei werden spartenübergreifende Arbeiten aus den Bereichen der bildenden Kunst und der KleinKunst gezeigt. Auch hierbei sind keine Vorgaben bezüglich der Inhalte oder deren Vermittlung vorhanden. Das Ziel ist, die Besucher der Schweizer Künstlerbörse auf unterschiedlichen Ebenen überraschen zu können. Da es sich um ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit der ktv und Visarte handelt, werden die Gebühren im ersten Jahr von diesen beiden Vereinigungen übernommen. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine entsprechende Mitgliedschaft und ein vollständig eingereichtes Dossier bis am 31. Januar 2012. Dieses wird von einer Auswahlkommission der ktv, ergänzt mit einem Vertreter von Visarte, geprüft.

Alle weiteren Informationen für die Anmeldung und zu den Dossiers finden sich hier:
Gutes Reden
Performances
visarte.ch
Text: Annika Bangerter
(1-2012)

Drei Fragen an Heinrich Gartentor Zentralpräsident Visarte Berufsverband visuelle Kunst, Schweiz

Wie entstand die Zusammenarbeit zwischen der ktv und Visarte?

Die ktv fragte mich ursprünglich an, ein Geschenk für die Helferinnen und Helfer der Schweizer Künstlerbörse zu gestalten. Ich fand es jedoch schade, die bildende Kunst in erster Linie dekorativ einzubringen und schlug eine umfassendere Zusammenarbeit vor. Dabei möchte Visarte mithelfen, ein Fenster für grenzübergreifende Projekte zu öffnen, die sich dabei wie Puzzleteile in der Schweizer Künstlerbörse einfügen lassen.

«Gutes Reden» und bildende Kunst: Wie ist da der Zusammenhang zu erklären?

An den Vernissagen werden stets Ansprachen und Reden gehalten. Leider sind diese jedoch selten bestechend, sondern weisen häufig langweilige und umständliche Formulierungen auf. Aber im Kunstbereich muss man interessant und pointiert sprechen können. Dies möchten wir fördern. Werden die Beiträge gut dokumentiert, könnte daraus ein Bewusstsein entstehen, dass in den Kulturbetrieben redegewandte Leute sind, die auch etwas zu sagen haben.

Was müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die zwei neuen Plattformen «Gutes Reden» und «Performances» mitbringen?

Bei dem Projekt «Gutes Reden» muss man klar zu dem Genre «Spoken Word» abgrenzen. Gefragt sind kurze Ansprachen und Reden, wobei thematisch keine Einschränkungen vorhanden sind. Alle können mitreden. Ich fände es spannend, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen beispielsweise aus der Kultur oder auch Politik mitmachen würden. Bei den «Performances» ist ein extrem weites Feld von Möglichkeiten offen. Wichtig dabei ist, dass die Projekte sowohl von der bildenden wie auch von der KleinKunst spartenüberschreitend sind. Man sollte Grenzen grundsätzlich nicht zu streng ziehen. Es gibt ja heute tolle Beispiele mit Mummenschanz, die sehr skulptural arbeiten, oder Urs Wehrli, der die Kunst wunderbar aufräumt. Des Weiteren geht es darum, ein Mittel zu schaffen, um die bildende Kunst nicht weiter als rein visuelle Dekoration zu präsentieren.

gartentor.ch
Interview: Annika Bangerter
(1-2012)

Neue Plattform für Kulturkritiken

Im November 2011 wurde die Internetseite theaterkritik.ch aufgeschaltet. Dank dieser Plattform erhalten Theater- und Tanzproduktionen gegen Entgelt zwei journalistische Kritiken, die aus den Federn renommierter Autoren stammen. Die Betreiber der Seite streben mit diesem Angebot nach einer vertieften Auseinandersetzung mit der Schweizer Bühnenkunst.

 Die intensive Probezeit ist abgeschlossen, viel Zeit, Arbeit, Engagement und Herzblut stecken in dem Projekt und niemand schreibt ein Wort darüber. Gerade kleinere Produktionen sind häufig mit einer mangelnden medialen Berichterstattung konfrontiert. Damit die öffentliche Arbeit bei Bedarf auch tatsächlich besprochen wird, lancieren die Betreiber von theaterkritik.ch eine Online-Plattform für fundierte Kritiken. Mit erfahrenen Kulturjournalisten soll dabei eine hohe fachliche Kompetenz gewährleistet werden. Dies hat für die Theaterschaffenden allerdings auch einen Preis. Die Besprechung einer Produktion kostet 600 Franken. «Wir sind uns bewusst, dass dies für viele Kulturschaffende einen gewissen Budgetposten darstellt. Aber die Texte können für PR- und Vermittlungszwecke genutzt werden und weisen somit eine längerfristige Ausstrahlungskraft aus», erklärt die Projektleiterin Lena Rittmeyer. Dabei ist ein postulierter Grundsatz von theaterkritik.ch die hohe Sachlichkeit einer unabhängigen journalistischen Arbeitsweise. Die Theaterschaffenden müssen somit auch mit negativen Punkten in der Berichterstattung rechnen. Lena Rittmeyer sieht darin jedoch auch eine Chance: «Ein negative Besprechung muss für die Künstler als auch für das Publikum nachvollziehbar sein. Kritische Stimmen gehören dazu und bringen die Leute weiter. Es ist immer noch besser einen begründeten Verriss zu erhalten, als gar kein Feedback.» Damit das Bühnenschaffen nicht einer Reflexion unterliegt, sieht das Konzept von theaterkritik.ch stets zwei Berichterstattungen vor. Zudem wird auf der Homepage auch der Projektbeschrieb der Künstler aufgeschaltet und eine Kommentarfunktion für das Publikum eingerichtet. Dadurch soll eine diskursfähige Grundlage für einen vielfältigen Meinungsaustausch geschaffen werden.

Hinter dem Online-Portal von theaterkritik.ch steht sowohl die Arbeitsgruppe mit der Regisseurin Ursina Greuel und der Projektleiterin Lena Rittmeyer, wie auch die so genannte Steuergruppe, die den Betreibern in einer beratenden Funktion zur Verfügung steht. Eine deutsch- und eine französischsprachige Redaktion redigiert die Texte und schaltet sie bereits einen Tag nach der Premiere auf. Das Pilotprojekt plant eine Ausdehnung des Netzwerkes mit einer italienischen Redaktion im zweiten Jahr. Die Projektleiterin Lena Rittmeyer kann bereits vor der offiziellen Aufschaltung der Homepage eine positive Bilanz zum Start der Online-Plattform ziehen. Diese löste ein grosses Echo aus, wobei schon vor dem Beginn mehr Anfragen eingegangen sind, als Schreibkapazitäten zur Verfügung stehen. Damit jedoch das Grundpostulat erfüllt werden kann, wird der Kritikerkreis nun um weitere Autoren erweitert.

theaterkritik.ch
Text: Annika Bangerter
(11-2011)

Drei Fragen an die Projektleiterin von theaterkritik.ch Lena Rittmeyer

Wie ist die Idee zu der Online-Plattform für Theater- und Tanzkritiken entstanden?

Die beiden Regisseure Ursina Greuel und Markus Wolff wollten der mangelhaften Kulturberichterstattung entgegen wirken und eine Lösung anbieten. theaterkritik.ch ist nun ihre Antwort auf dieses vorherrschende Manko. Der Leitgedanke entstand dabei schon vor ungefähr zwei Jahren. Bevor das ganze Projekt gestartet wurde, haben die beiden Hauptinitianten Umfragen bei den Act-Mitgliedern erhoben. Auf dieser Basis wurde anschliessend das Konzept erarbeitet. Die Idee zu theaterkritik.ch wurde über eine längere Zeitdauer fundiert entwickelt.

Ist es nicht ein Widerspruch, für eine unabhängige Berichterstattung bezahlen zu müssen?

Nein, wir wollen eine Plattform aufbauen, die eine professionelle Kulturkritik bietet. Vor allem kleinere und unbekanntere Theater- oder Tanzgruppen werden von den Medien häufig nicht berücksichtigt. theaterkritik.ch will dem entgegen wirken. Wir sehen in dem finanziellen Beitrag keinen Widerspruch, da unsere Autoren diesen klar vom Inhalt trennen. Indem sie das Stück anschauen und sich damit auseinander setzen, leisten auch sie eine Arbeit, die entschädigt werden muss.

Wem empfehlt ihr eine solche Kritik?

Allen Theater- und Tanzgruppen mit einer neuen Produktion und die sich weiterentwickeln wollen. Mit den zwei Kritiken von theaterkritik.ch wird ihre Arbeit gespiegelt und es gibt eine professionelle Aussensicht auf das künstlerische Schaffen.

theaterkritik.ch 
Interview: Annika Bangerter
(11-2011)

Rückblick auf die Schweizer Künstlerbörse 2011 mit dem Duo Luna-tic

Ihre Auftritte lagen zwischen den Kurzauftritten der anderen Künstlerinnen und Künstler, und sie vermochten stets in wenigen Minuten grosse KleinKunst auf die Bühne zu bringen. Mit ihren erfrischenden und ideenreichen Ansagen prägte das Duo Luna-tic die 52. Schweizer Künstlerbörse und moderierte sich in die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Im Interview mit der ktv blicken die beiden Künstlerinnen Judith Bach und Stéfanie Lang auf die Schweizer Künstlerbörse 2011, ihre Moderationspremiere und ihre persönlichen Höhepunkte zurück.

Interview mit dem Duo Luna-tic: Judith Bach und Stéfanie Lang

Wie habt ihr die diesjährige Schweizer Künstlerbörse in der Rolle als Moderatorinnen erlebt?

Judith und Stéfanie: Es war ein Marathon – aber ein schöner. Da wir uns ziemlich gründlich vorbereitet haben, war es eine Arbeit wie ein drei Tage langer Auftritt. Aber doch wieder ganz anders: In der Moderation geht es darum, wie ein roter Teppich für den nächsten auftretenden Künstler zu funktionieren, Bescheidenheit zu üben und nicht sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Das klingt theoretisch viel einfacher als es ist. Denn wir hatten den Anspruch, unseren Duo-Luna-tic-Figuren – Olli und Claire – trotz allem treu zu bleiben. Und ja, wir haben schon versucht bei den 800 Leuten, die immer voller Erwartung auf die Bühne starrten, ein bisschen für die allgemeine Aufheiterung zu sorgen. Die Claire kann es eben nicht lassen. Sie will Freundin sein von ihrem Publikum.

Habt ihr bereits früher Anlässe moderiert oder war es für euch eine Premiere?

Judith: Es war eine Premiere – und was für eine. Ich hatte vorher viele Albträume gehabt und während drei Tagen nicht richtig essen können. Und das bei der ollen bodenständigen Figur Claire!

Wie habt Ihr euch auf diese Aufgabe vorbereitet?

Judith: Wir haben jeden einzelnen Künstler gegoogelt. Ich habe mir ein Heft gebastelt, in das ich für mich lustige oder eben auch wichtige Dinge rein klebte. Das war eine spannende Angelegenheit. Dann haben wir jedem Künstler eine Mail geschrieben, ob es noch etwas Wichtiges gibt, was unbedingt gesagt werden soll. Da waren die verschiedensten Antworten bei! Und dann war da natürlich noch der wichtige Moment: Das erste Treffen backstage. Bei manchen hatte ich das Gefühl, sie beruhigen zu müssen. Dabei habe ich mir ja selber fast immer in die Hosen gemacht vor Schiss!

Was sind die grossen Herausforderungen solcher Moderationen?

Judith und Stéfanie: Ruhig und klar da zu stehen. Jede Mini-Moderation geht nur einmal im Leben über die Bühne, da heisst es: Alle zwanzig Minuten höchste Wachsamkeit und Präsenz zu leben.

Was für Momente oder Situationen haben für euch die 52. Schweizer Künstlerbörse geprägt?

Stéfanie: Die vielen Begegnungen mit Veranstaltern, aber auch mit den Leuten backstage und den berührenden Abschied am Schluss. Hinter der Bühne sind so viele Mitwirkende: Techniker, die die ganze Zeit höchst konzentriert sind und von acht Uhr morgens bis Mitternacht da sind, oder die Betreuerinnen für das Essen und Trinken, die immer in guter Laune waren. Ein ganzes Theater spielt sich hinter der Bühne ab.

Judith: Spontan fällt mir der allererste Auftritt an der KleinKunstGala ein. Das Mikrofon von Olli funktionierte nicht und ich musste improvisieren: «Meine Fresse, ditt fängt ja juut an.» Des Weiteren die vielen Momente, wo wir so deutlich zu spüren bekommen haben, dass man uns gerne sieht. Aber auch die routinierten Abläufe mit den Technikern und dass es schon normal war, vor 800 Leuten mal eben kurz was zu sagen. Bezüglich des Börsenendes erinnere ich mich gerne daran, das Technikerlied zu singen und Gänsehaut dabei zu kriegen. Es gab so viele Menschen, die für diese Börse geschuftet haben und diese riesige Anerkennung nicht so regelmässig bekamen wie wir. Und dann die vielen kleinen Begegnungen mit Künstlern. Das Einschlafen irgendwann um halb elf, von Stef geweckt zu werden: «Wir müssen auf die Bühne!» und hoppsla, da steht man wieder. Und, und, und ...

Was sind eure persönlichen Höhepunkte der vier Tage?

Stéfanie: Die Preisübergabe für Karl's kühne Gassenschau und zu sehen, wie man in dieser KleinKunstWelt seinen Weg langsam aufbauen muss: So viel Arbeit und Jahre, so viel Leidenschaft damit man so weit kommt. Das war in diesem Moment spürbar. Und dann der erste Auftritt, die Eröffnung der 52. Schweizer Künstlerbörse. 800 Leute in Erwartung von neuen Stücken, neuen Gruppen und hinter der Bühne die genau gleiche Spannung und Hoffnung. Aber auch das Rennen im Kostüm durch Thun für den Moderationen-Marathon vom Schadausaal zur A-cappella-Night im Zentrum von Thun war ein Höhepunkt. Und zum Abschluss noch das Tanzen nach der Moderation, so viel Spannung und Konzentration einfach wegtanzen zu können!

An der Schweizer Künstlerbörse seid ihr richtiggehend zu Publikumslieblingen avanciert. Was für Reaktionen hattet Ihr im Anschluss?

Stéfanie und Judith: Immer noch bekommen wir Komplimente von Veranstaltern, euch ktvlern und anderen Künstlern. Das ist schön. Das freut uns. Es war für uns – neben dem Avignon-Festival jetzt – das Luna-tic-Highlight des Jahres.

Interview: Annika Bangerter
Fotos: Sabine Burger

Rückblick der Börsenchronisten

Sie haben mit den Chroniken ihrer Beobachtungen und Erfahrungen der 52. Schweizer Künstlerbörse ein schriftliches Kaleidoskop an Impressionen der vier Börsentage geschaffen: Die zwei Börsenchronisten Marianne Finazzi und Gabriel Vetter. Im Interview mit der ktv blicken sie auf ihre Arbeit als Chronisten, prägende Momente und persönliche Höhepunkte an der Künstlerbörse 2011 zurück.

Interview mit Marianne Finazzi

Hast du die diesjährige Schweizer Künstlerbörse in der Rolle als Chronistin gegenüber früheren Jahren anders oder neu erlebt?

Ich habe diese 52. Schweizer Künstlerbörse als Chronistin komplett anders erlebt als damals, als ich noch an der Schweizer Künstlerbörse teilnahm, um Künstlerinnen und Künstler zu entdecken, welche die Kulturtäter anschliessend ins Théâtre de Poche nach Biel einladen könnten. Dieses Jahr wurde von mir erwartet, dass ich mich umsehe und die allgemeine Stimmung einfange – ich habe deshalb auch weniger Aufführungen gesehen als üblich.

Wie bist du für deine Arbeit als Börsenchronistin vorgegangen?

Es war das allererste Mal, dass ich als Chronistin tätig war – naturgemäss war ich im Vorfeld ein wenig nervös. Einmal angekommen, habe ich mich dafür entschieden, die Sache spontan anzugehen: Ich liess mich von Lust und Vorlieben leiten. Von Seiten der ktv wurden mir keine Vorgaben gemacht, ich fühlte mich also rundum frei.

Hast du dich mit Gabriel Vetter bezüglich der zu schreibenden Börsenchroniken ausgetauscht?

Ich habe Gabriel Vetter, den deutschsprachigen Chronisten, anlässlich der Medienkonferenz am Mittwoch Nachmittag kennengelernt. Er war mir auf Anhieb sympathisch, und dieses gute Gefühl hat sich bei unseren Treffen an der Schweizer Künstlerbörse fortgesetzt.

Was für Momente oder Erlebnisse der 52. Schweizer Künstlerbörse haben sich bei dir eingeprägt?

Ich habe zahlreiche Agenten, Programmgestalter und Künstler getroffen, mit denen ich mich bestens unterhalten und verstanden habe – und ich habe Personen getroffen, die ich schon lange, lange nicht mehr gesehen hatte – darüber habe ich mich sehr gefreut.

Was war dein persönlicher Höhepunkt dieser fünf Tage?

Die KleinKunstGala ist mir in guter Erinnerung geblieben. Karl's kühne Gassenschau hat den Schweizer KleinKunstPreis absolut verdient. Sehr schön war auch das Wiedersehen mit ein paar Leuten von Silo 8. Die Leistungen, die an diesem Abend geboten wurden, wiesen durchwegs eine hohe Qualität auf. Was mir weiter aufgefallen ist, ist die Professionalität der administrativen und technischen Teams. Das neue Kultur- und Kongresszentrum KKThun war ein idealer Veranstaltungsort.

Du sprichst in deiner Börsenchronik mehrmals Sprachbarrieren bei (schweizer-) deutschen Produktionen an und rufst die Westschweizer auf, vermehrt die Schweizer Künstlerbörse zu besuchen. Was für Brücken über den Börsen-Röstigraben schlägst du als französisch sprechende Besucherin vor?

Es ist jedes Jahr dasselbe: Leider hält sich das Interesse der Frankophonen in Grenzen, es sieht fast so aus, als sei daran nicht zu rütteln. Was könnte man dagegen unternehmen? Die Verantwortlichen bei der ktv stellen sich ja diese Frage immer wieder. Vielleicht müsste eine engere Zusammenarbeit mit den französischsprachigen Medien gesucht werden. An der Medienkonferenz nahm ein französischsprachiger Journalist teil, verschwand aber rasch wieder. Vielleicht müsste man auch die Theaterdirektoren, Programmgestalter, Agenten und Künstler intensiver bearbeiten und informieren. Und vielleicht müsste der französischen Sprache mehr Raum zugestanden werden. Ich weiss, dass Anstrengungen in diese Richtung unternommen werden, aber vielleicht sollte noch mehr getan werden. Es ist nicht von der Hand zu weisen: Die ktv ist nun einmal sehr stark im deutschen Sprachraum verankert. Hier die Gewichte zu verlagern, setzt einen langen Atem voraus. Wie wäre es, wenn die ktv die Schweizer Künstlerbörse im Turnus je einmal in der Deutschschweiz, der Romandie und in der italienischen Schweiz durchführen würde? Würden die anderen Sprachregionen dem Ruf folgen und wären an der Schweizer Künstlerbörse zahlreich präsent? Ich gehe davon aus, dass die Veranstaltung noch während vieler Jahre in Thun durchgeführt werden wird. Es wurde ja eine Umfrage in zehn Schweizer Städten gemacht, und die hat ergeben, dass Thun die einzige war, die praktisch alle Anforderungen der ktv erfüllt. Die Jahre bis 1998, als man die Schweizer Künstlerbörse noch abwechslungsweise in verschiedenen Städten durchführte (auch in der Romandie) hat klar gezeigt, dass die Romands sich, wenn überhaupt, nur sehr schwer zu einem Besuch bewegen lassen.

Interview: Annika Bangerter, Übersetzung: Rolf Hubler, Scrive

Interview mit Gabriel Vetter

Hast du die diesjährige Schweizer Künstlerbörse in der Rolle als Chronist gegenüber früheren Jahren anders oder neu erlebt?

Natürlich habe ich es anders erlebt. Ich bin zwar, was die Schweizer Künstlerbörse angeht, noch ein relativer Neuling, und kann darum nicht auf allzu viele Vergleiche zurückgreifen. Jedoch bewegt man sich als Chronist naturgemäss anders; es fallen andere, vielleicht unscheinbare Sachen auf, die man als Kolumnist verarbeiten könnte. Man ist als Chronist also eigentlich ein Partikel-Filter, ein Flusen-Sieb, ein Wiederkäuer dessen, was in Thun passiert. Es geht ja dann darum, die Schweizer Künstlerbörse in subjektiven Betrachtungen möglichst objektiv, möglichst wahr, abzubilden. Das macht man als teilnehmender Künstler natürlich nicht. Man schmeisst sich auch viel mehr in den Trubel.

Wie bist du für deine Arbeit als Börsenchronist vorgegangen?

Ich bin, ganz simpel, die ganze Zeit rumgelaufen, habe mich umgehört, umgesehen, mit allerlei Leuten gesprochen, mir Shows angeguckt und mich vor allem treiben lassen. Wie ein guter Reporter eben – schön der Nase nach. Ich hatte zwar ein paar fixe Punkte, ein paar Shows und Blöcke, die ich mir notiert hatte, doch die wirklich interessanten Begegnungen passierten eben spontan, unvorbereitet. Darauf muss man sich ja einlassen. Alles andere wäre schade. Ich habe jeweils Notizen gemacht, natürlich, und bin dann jeweils mittags hingesessen und habe den Text verfasst und verschickt. Nur, um mich danach sofort wieder ins Geschehen zu stürzen. Die Maxime war: Alles ist interessant, nichts ist zu banal.

Die französischsprachige Börsenchronistin Marianne Finazzi beschreibt in ihrer Chronik, wie du durch die Börse gehst und dich wie ein Schwamm mit dem Gehörten und Gesehenem aufsaugst – wie hast du sie wahrgenommen?

Wir haben uns morgens jeweils zum Kaffee getroffen. Sie hat mir dann ihre Chronik vorgelesen und ich ihr erzählt, was ich so erlebt habe. Das Überraschende war, dass wir uns von Anfang an, trotz des Altersunterschieds, trotz unserer ganz und gar verschiedener Herangehensweisen und Backgrounds, wahnsinnig gut verstanden haben. Wir haben uns auch oft zu einer Zigarette und einem Kaffee getroffen, gequatscht und viel gelacht. Ich glaube, Marianne ist noch viel mehr KleinKunstFan als ich. Sie weiss viel mehr, sie kennt die Leute gut und kennt sie seit Jahren. Sie ist also so was wie die Grande Dame der Chronik, während ich ein bisschen den jungen Gonzo gab. Marianne hat sich, denke ich, viel mehr auf das konzentriert, was auf den Bühnen passierte, im Gegensatz zu mir, der ich die Nebenschauplätze interessant fand.

Was für Momente oder Erlebnisse der 52. Schweizer Künstlerbörse haben sich bei dir eingeprägt?

Der Eröffnungsabend war wahnwitzig gut. Die Show war wirklich das, was man als grossen KleinKunstAbend bezeichnen muss. Lustig war auch, zu beobachten, dass einige Veranstalter offenbar erst kurz vor Ende der Schweizer Künstlerbörse bemerkten, dass es ja noch einen zweiten Trakt mit Agentur-Ständen gibt. Manche haben es gar nicht gemerkt. Das fand ich relativ absurd, und drum interessant.

Was war dein persönlicher Höhepunkt dieser vier Tage?

Jeder Kaffee mit Marianne und die Eröffnungsshow.

Hast du als Deutschschweizer den Röstigraben ähnlich stark wahrgenommen wie Marianne Finazzi?

Der Röstigraben entgeht einem in Thun ja nicht. Aber es war für mich keineswegs der Fall, dass ich dachte: Aha, das sind jetzt wir Deutschschweizer, und das sind jetzt die Welschen. Sondern eher so: Aha, natürlich, die Welschen gibt es ja auch noch! Es war eher positive Überraschung. Was natürlich auch traurig ist. Da ist man so nahe beieinander, und es kommt einem gar nicht in den Sinn, dass da die anderen ja das ganze Jahr durch auch sind und grossartiges Zeug machen, nicht nur während der Schweizer Künstlerbörse. Ich glaube aber auch nicht, dass man, nur um des Röstigrabens willen, ums Verrecken Zusammenarbeit zwischen Welschen und Deutschschweizern forcieren müsste. Das ergibt sich schon von selber, wenn es muss.

Interview: Annika Bangerter
(7-2011)