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Schweizer KleinKunstPreis 2010 der ktv für Ueli Bichsel
Ueli Bichsel, Clown, Schauspieler und Bühnenkünstler, wird 2010 mit dem Schweizer KleinKunstPreis der ktv – Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen, Schweiz, ausgezeichnet. Die ktv ehrt damit einen Künstler, der seinen eigenen Stil geprägt und sich seinen eigenen Weg gebahnt hat; Ueli Bichsel vereint in seinen Stücken Welten, die eigentlich nicht zusammenzubringen sind. Der Schweizer KleinKunstPreis ist mit 10'000 Franken dotiert und wird am Donnerstag, 29. April 2010, an der PreisGala zum Auftakt der 51. Schweizer Künstlerbörse in Thun verliehen.
Auch ohne die rote Nase bleibt Ueli Bichsel ein Clown. Aber kein trauriger Clown, vielmehr ein kluger Clown, einer, der sogar dem Tod mutig ins Auge blickt und ihn auf der Stelle erschlagen würde, wenn er könnte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Davon gibt es viele, von den anderen Geschichten, die Ueli Bichsel immer wieder in seine Geschichte, die er gerade erzählt, einfliessen lässt. Ueli Bichsels Markenzeichen ist es denn auch, ständig die Schauplätze und Ebenen zu wechseln, manchmal lediglich mit dem Wechsel des Tonfalls, oder indem er den Besucher auffordert: hier können Sie sich in meine Vergangenheit klicken. Und hier in die Zukunft.
Vielschichtig sind die Stücke von Ueli Bichsel. Nach 17 Jahren mit dem Duo «Die Lufthunde» und 13 Jahren mit dem Circus-Theater «Federlos» weltweit unterwegs, folgte «Das Leben ist schon lustig genug» mit Gardi Hutter, dann sein autobiographisches Solo «Log.», und mit der jetzigen Partnerin Silvana Gargiulo «Pec and Fevvers» und «Ex – hübenwiedrüben».
Ueli Bichsel ist unermüdlich, und seine Figuren sind es genauso. Ohne Unterlass tanzt er von einer Parodie zur nächsten, und bruchlos geleitet er das Publikum wieder zurück zu den Anfängen; immer aber bleibt die Metaebene sein Steckenpferd.
Doch auch ganz reale Welten bringt Ueli Bichsel zusammen, wenn er mit dem Circus Federlos durch Afrika tourt und die eigenen Zirkusnummern mit afrikanischen Künstlern und Tänzen kombiniert.
Stets also ist Ueli Bichsel am switchen, mit wenigen Worten, dafür aber viel Wortwitz, katapultiert er sein Publikum in ungeahnte Gegenden. Auf der Bühne selbst geschieht dasselbe; im Handumdrehen verwandelt er eine unscheinbare braune Rolle in eine Blumenwiese, über die er Schwalben fliegen lässt; was auf den ersten Blick als banale Bastelei daherkommt, ist in Wahrheit ausgetüftelt und komplex. Und immer bewegt er sich irgendwo zwischen Heidi und Hightech, nimmt die Technik auf den Arm, indem er sie einfach ersetzt, kurzerhand mit der Aufforderung: «Stellen Sie sich vor ...» den Modus wechselt.
Ueli Bichsels handgestrickte, herbe Poesie ist massgeschneidert; er verkörpert den klugen Clown genauso wie den lustigen Schauspieler. Und obenauf ist er ein Tausendsassa, ein Sprachakrobat und Bühnenbildzauberer, der auf Stelzen tanzen kann, und der ausserdem die Tiere, die in seinen Stücken vorkommen, grad selber spielt; das kommt billiger als einen teuren Seehund zu engagieren, den man dann füttern muss.
Immer ist Ueli Bichsel eine Art Schelm in seinen eigenen Geschichten, in seinem eigenen Theater, das zugleich hoch ästhetisch daherkommt und vor allem immer wieder überrascht. Ueli Bichsel ist kein klassischer Clown, aber beim näheren Hinschauen eben doch ein richtiger Clown, und zwar einer, der fast alles kann, und das, was er nicht kann, so geschickt – und verschmitzt – überbrückt, dass es geradezu genialisch anmutet.
Text: Tabea Steiner
Tickets für die PreisGala am Donnerstag, 29. April 2010
Programm der PreisGala am Donnerstag, 29. April 2010
(1-2010)
Cathy Hadorn †
Am 4. Dezember 2009 ist Cathy Hadorn-Zbinden, Ehrenmitglied der ktv – Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen, Schweiz, in Biel verstorben. ktv und Schweizer Künstlerbörse gedenken ihrer Pionierin:
Liebe Cathy
Ein letztes Adieu von uns allen in der ktv! Du warst seit der ersten Stunde die Sekretärin, verständnisvolle Vertraute für KünstlerInnen und VeranstalterInnen, Mädchen für alles, Hebamme, und jahrelang «Mutter der ktv».
Dein fröhliches und manchmal spitzbübisches Lachen verbreitete eine angenehme und freundschaftliche Stimmung und war sehr ansteckend.
Mit den Jahren wuchs die ktv und mit ihr der Arbeitsaufwand des Sekretariats, doch deine Hermes-Baby-Schreibmaschine blieb dein Arbeitsinstrument. Es brauchte schon einige Überzeugungskraft, um dir eine neue, bessere aufzudrängen. «Warum eine neue Maschine? Die Hermes Baby funktioniert doch einwandfrei und dazu kostet eine Neuanschaffung doch ziemlich viel», pflegtest du zu sagen.
Zusammen mit deinem Gatten, Werner Hadorn, hast du über Jahre die Geschicke der ktv mitgestaltet, hast der ktv und der Schweizer Künstlerbörse einen Geist der Freundschaft, der familiären Wärme verliehen. Auch war deine Bescheidenheit sprichwörtlich (siehe oben), wurde von allen geschätzt, und damit verschufst du dir grosse Achtung und Respekt von uns allen.
Hab Dank, liebe Cathy, und ein herzliches Adieu!
Die Trauerfeier für Cathy Hadorn findet am Dienstag, 15. Dezember 2009, um 14 Uhr, in der Kapelle 2 im Friedhof Biel-Madretsch statt.
Peter Bissegger, Präsident ktv
Walter Weber, Ehrenmitglied ktv
(12-2009)
Denis Beuret heisst der neue Kulturminister der Schweiz
Mit einem Stimmenanteil von 36 Prozent konnte er sich gegen seine vier Konkurrenten durchsetzen. Denis Beuret lebt – als Vater von drei Kindern – in Semsales, im Süden des Kantons Fribourg. Er ist Musiker und Komponist. Sein Instrument ist die Bassposaune. Denis Beuret mag gerne Herausforderungen, Erfindungen und Innovationen. Er beschreibt sich als kartesianisch und rational.
In seinem neuen Amt als Kulturminister möchte Denis Beuret die finanziellen Interessen der Kulturschaffenden tatkräftig verteidigen. Er hat unter anderem vor, die verschiedenen Kulturverbände zu vereinigen und den Kulturschaffenden einen besseren Zugang zu den Sozialversicherungen zu schaffen. Ein wichtiges Anliegen für Denis Beuret ist es zudem, dass der künstlerische Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen und Regionen gefördert wird und dass der Unterricht der künstlerischen Sparten in allen Schulstufen, seit der Vorschule, von Künstlern gegeben werden soll.
Dominik Riedos Rückblick
Dominik Riedo wird sich nun mehr wieder auf seine schriftstellerische Arbeit konzentrieren. Seit seiner Wahl im September 2007 hat er nicht nur als Sprachrohr der Kulturschaffenden bei vielen Anlässen gewirkt. Mit seiner hartnäckigen Präsenz da, wo sich die Politikerinnen und Politiker treffen, hat er deren Respekt zu gewinnen vermocht. Aus der Vielzahl seiner Tätigkeiten, seien hier drei Schwerpunkte herausgegriffen:
Soziale Sicherheit: Dominik Riedo hat sich nachdrücklich um die Verbesserung der sozialen Sicherheit von Kulturschaffenden bemüht, in zwei Retraiten des Kulturministeriums einerseits, in verschiedenen Gremien andererseits, aber auch im Rahmen der Aktion «Kunst trifft Kultur», die Suisseculture ins Leben gerufen hat: 246 KünstlerInnen treffen 246 ParlamentarierInnen.
Publikation: Dominik Riedo hat in seiner Amtszeit eine kulturpolitische Anthologie initiiert und herausgegeben. Im Buch «Heidis und Peters. Vorsicht Kulturraum Schweiz» hat Dominik Riedo Ansichten, Einsichten und Visionen von verschiedenen Kulturschaffenden der Schweiz zusammengetragen. Mit dabei waren unter anderen Linard Bardill, Dimitri, Franz Hohler, Giovanni Orelli, Samir und Dodo Hug.
Kommunikation (Tagebuch, Begegnungen): Verschiedene Aktionen schlugen Brücken. Im Tagebuch versuchte Riedo Einblick zu geben in seinen Alltag als Kulturminister wie als Autor. Mit der «Kulturhauptstadt Romoos» wurde der Aspekt des Stadt-Land-Gegensatzes hervorgehoben: Kultur gibt es auch auf dem Land. Mit den Begegnungen über den Röschtigraben hinweg, mit den Menschen von Romoos und Romont, hat er die Sprachgrenze stellvertretend und symbolisch überschritten.
Ausblick
Mit dem neuen Kulturminister Denis Beuret beginnt eine neue Ära, die gerade den letzten Aspekt des Brücken bauens vermehrt ins Zentrum rücken wird.
kulturministerium.ch
denisbeuret.ch
dominikriedo.ch
(9-2009)
Smart voten, Kultur incl.
Im Dezember 2009 lädt Kulturminister Denis Beuret eine Handvoll Kulturschaffende ins L'arc Romainmôtier ein, um Smartvote, das intelligente Hilfsmittel, um Politiker auf ihre Meinungen und Einstellungen zu überprüfen und diese mit den eigenen zu vergleichen, auch im Hinblick auf Kunst und Kultur fit zu machen.
Von den rund siebzig Smartvote-Fragen sollen sich knapp ein halbes Dutzend direkt und etwa ein weiteres Dutzend indirekt mit Aspekten von Kunst und Kultur befassen.
Eine separate «Kulturverträglichkeitsprüfung», durch das Kulturministerium in Zusammenarbeit mit Smartvote durchgeführt, soll dann von möglichst vielen politischen Kandidatinnen und Kandidaten ein differenziertes Bild des Kunst- und Kulturverständnisses aufzeichnen, das von Wählerinnen und Wählern mit dem eigenen Profil verglichen werden kann.
Smartvote ist ein unentbehrliches Meinungsbildungsinstrument geworden: Über Parteigrenzen hinweg lassen sich auf smartvote.ch Positionen vergleichen. Wie liberal ist die Kandidatin, wie viel Staat will sie? Wie steht der Kandidat zu erneuerbaren Energien? Wie ist seine Position in der Gesundheitspolitik? Und zukünftig eben auch: Wie ist ihr oder sein Kunst- und Kulturverständnis?
In der Schweiz, wo Kunst und Kultur kaum je ein Wahlkampfthema sind, sollen Wählerinnen und Wähler ein Anrecht darauf haben, die kulturpolitischen Positionen der Kandidatinnen und Kandidaten zu kennen.
Vorgesehen ist, das im Bereich Kunst und Kultur optimierte Smartvote für die eidgenössischen Wahlen 2011 zur Verfügung zu stellen, und danach für weitere Bedürfnisse zu adaptieren.
(12-2009)
Politik und Kultur: ein Liebespaar?
Ständerat Bruno Frick (Kanton Schwyz, CVP) hält anlässlich des Laaxer Theatersommers eine bemerkenswerte Ansprache.
Wie mich Mariano Tschuor anfragte, ein Referat zur Eröffnung des Laaxer Theatersommers zu halten, habe ich sofort ja gesagt – in einem Anflug von Euphorie. Mir schmeichelte, an einem der grossen kulturellen Sommerereignisse unseres Landes dabei zu sein. Und schliesslich habe ich allerbeste Erinnerungen an die Herbstsession 2006 in diesem Haus.
Der Titel meines Referates stammt von Mariano Tschuor. Er ist ein Journalist, bei dem man gerne und offen spricht. Aus meinem Erleben holt er mit sehr offenen, leicht provokativen Fragen das Maximum aus seinen Gesprächspartnern. Dass ich den politischen Teil heute vertreten darf, empfinde ich als Ehre. Obwohl mein kultureller Leistungsausweis nicht sehr gross ist und ich bisher nicht einmal die höheren Weihen für die Kommission «Wissenschaft, Bildung, Kultur» des Ständerates erhielt.
Einmal habe ich zusammen mit einer Gruppe von Kulturfreunden im Kanton Schwyz versucht, ein Kulturhaus zu finanzieren. Es hätte soviel gekostet wie 200 Meter Ausbau einer kantonalen Hauptstrasse im anspruchsvollen Baugrund. Wir sind gescheitert, weil sich weder in der Regierung noch im Kantonsrat die nötige Unterstützung fand. Obwohl namhafte Beiträge von Privaten bereits zugesichert waren. Doch auf das Verhältnis der Staatsausgaben und das Gewicht der Kultur im öffentlichen Haushalt komme ich zurück.
Mehr Erfolg hatten wir mit dem Einsiedler Welttheater, wo es uns dank dem Tandem Volker Hesse und Thomas Hürlimann gelungen ist, die Tradition eines erbaulichen und moralisch mahnenden Theaters zu durchbrechen und es zu einem ausdrucksstarken Theaterereignis zu machen, das Intellekt und Sinne im gleichen Masse anspricht, und das weit über unsere Region und Landesgrenzen ausstrahlte. Ich wünsche uns die Kraft, für die nächste Aufführung, im Jahr 2012 oder 2013, in der Champions Leage des Freilufttheaters zu bleiben, und nicht der Versuchung zu erliegen, in die Heimeligkeit eines regionalen Schauspiels zurückzusinken.
Was mich besonders zum «Teater Laax» hinzieht, ist die Gemeinsamkeit des reichen Volkstheaters im Bündnerland wie in der Innerschweiz. Sie verbindet Rätoromanen und uns Alemannen in gleicher Weise. Was Sie in Obersaxen, Laax, im Oberhalbstein und in weiteren Orten jährlich hervorbringen, ist Ausdruck und Produkt der selben Lebensfreude und Spiellust.
Doch nun zu unserem Thema, meine Damen und Herren: Sind Politik und Kultur ein Liebespaar?
Tatsächlich zeigen sie viele Aspekte einer Partnerschaft. Das gilt sowohl für die Tätigkeitsfelder Politik und Kultur, als – und das noch mehr – in der Beziehung zwischen Kulturschaffenden und Politikern als Person. Ich habe in den letzten Tagen nochmals das Buch des Paartherapeuten Jürg Willi – einem Zürcher aus Bündner Wurzeln – mit dem Titel «Psychologie der Liebe» durchgelesen. Und tatsächlich weist das Verhältnis Politik und Kultur viele Aspekte einer Paarbeziehung auf. Ähnliche Punkte sind für die Qualität beider Partnerschaften verantwortlich, sei es nun ein Liebespaar oder seien es Kulturschaffende und Politiker:
Der Austausch und die Auseinandersetzung im regelmässigen Gespräch.
Die Aufteilung der Lebensbereiche, was gemeinsam und jedem eigen ist.
Die Rollenverteilung.
Die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten.
Aber auch die Kultur, Differenzen auszutragen.
Bis hin zur Bedeutung der finanziellen Situation für ein Paar.
Insofern sind Politik und Kultur, Kulturschaffende und Politiker tatsächlich ein Paar. Wenn sie sich für diese Beziehung engagieren, können beide stark und erfolgreich werden, zum Nutzen für sich und unserer ganzen Gesellschaft. Scheitert die Beziehung, wird der Misserfolg greifbar.
Lassen Sie mich zwei Aspekte besonders hervorheben, die für Politik und Kultur wie für jede Partnerschaft zentral sind:
Zunächst die Selbstverwirklichung in der Partnerschaft. Auch für Politik und Kultur gilt, dass sich kein Partner in absoluter Unabhängigkeit, sondern in der Beziehung entwickelt, und dass Liebesbeziehungen das Medium für die Entfaltung, Entwicklung und Verwirklichung des persönlichen Bereiches sind. In einer Liebesbeziehung begegnen sich zwei Suchende, unfertige und ungesättigte Menschen, die hoffen, miteinander ihr Potenzial zu verwirklichen und zu neuen Entwicklungen aufzubrechen.
Kultur ohne den Dialog mit der Politik, Politik ohne die Auseinandersetzung mit der Kultur entwickeln sich autistisch und selbstgefällig. Nur der ständige Austausch, die gegenseitige Kritik im Willen, gemeinsame Werte für Gesellschaften und ihre Menschen zu schaffen, machen beide stark. Gemeinsam schaffen sie Werte für uns alle.
Nehmen wir als Beispiel Luzern, eine mittelgrosse, ja eher kleinere Schweizer Stadt. Politik und Kultur schufen gemeinsam das Kultur- und Kongresszentrum Luzern KKL. Der grossartige Bau von Jean Nouvel war zunächst als Voraussetzung für ein reiches und grossartiges Kulturleben gedacht. Doch allein schon der Baubeschluss animierte zu Hotelinvestitionen von über 300 Millionen Franken. Luzern wurde zur Kongress- und musikalischen Metropole der Schweiz. Alle können sich dank dieser Partnerschaft selbst verwirklichen. Das Musikleben, die Kongressstadt, der Tourismus und nicht zuletzt das Selbstbewusstsein der ganzen Innerschweiz.
Auch negative Beispiele lassen sich finden. Die Hirschhorn-Affäre – war er nicht auch Bündner? – war Ausdruck mangelnder Partnerschaft zwischen Politik und Kultur. Wenig partnerschaftlicher Dialog und eine ungenügende Streitkultur zwischen Politik auf der einen und zwischen Pro Helvetia und Kulturschaffenden auf der andern Seite entluden sich an einem untergeordneten Punkt des Bundesbudgets 2005. Die Auseinandersetzung war schmerzhaft und hinterliess Wunden auf beiden Seiten. Doch als Bergler wissen wir alle: Gewitter per se sind nicht nur schlecht. Sie entladen und reinigen die Atmosphäre, sind oft der Anfang einer Schönwetterperiode.
Der zweite Aspekt ist die Rivalität in der Liebe. Jürg Willi schreibt dazu: «Liebende werden nur ungern zugeben, dass zwischen ihnen eine Rivalität um den entscheidenden Einfluss auf die Beziehung besteht. Sie streben die Harmonie ihre Pläne an und wollen sich wechselseitig die volle Unterstützung zusichern. Sie träumen davon, vom Partner bedingungslos akzeptiert und unterstützt zu werden. Die Realität ist anders. Schon bei der Partnerwahl sucht man sich intuitiv einen etwa gleich starken Partner. Es ist wie in einem Tennismatch: Die höchste Entfaltung des eigenen Potentials erreichen zwei etwa gleich starke Partner. Zwischen den Partnern muss ein Gleichgewicht von Macht und Einfluss gewahrt werden, von Anfang an und bis dass der Tod oder ein Liebeszerwürfnis die Partner scheidet.» Auch guten Partnerschaften lebt die Machtbalance inne. Nicht traute Harmonie und Einigkeit schaffen grosse Leistungen. Das kennen wir aus allen Lebensbereichen genau wie aus dem Verhältnis zwischen Kultur und Politik. Konstruktive Rivalität ist vielmehr die Triebfeder einer erfolgreichen Partnerschaft. Ist die Rivalität nicht konstruktiv, so greifen Partner leichthin zu destruktiven Möglichkeiten, um den Ausgleich herbeizuführen. In menschlichen Partnerschaften sind es Krankheit, Alkoholismus, übertriebene Zuwendung zu den Kindern, die Flucht in Aussenbeziehungen oder man ist versucht, die Entfaltung des Partners zu blockieren. In der Partnerschaft Politik und Kultur sind Mechanismen oft gleich, lediglich die destruktiven Möglichkeiten unterscheiden sich:
Die finanziellen Mittel verweigern, den andern öffentlich des Unverständnisses und der Inkompetenz bezichtigen. Die Phantasie des Lebens setzt keine Grenzen.
Insofern hat Mariano Tschuor recht. Politik und Kultur sind zumindest ein Paar. Ob ein Liebespaar, ist die zweite Frage. Wobei erst noch die Frage offen bliebe, in welcher Phase sich das Paar befindet: der ersten stürmischen Euphorie, der gesetzten Reife oder gar der zerstrittenen Gewohnheitsphase, in der die Szenen einer Loriot-Nummer dominieren? Sie wissen, dort ziehen die Partner jede sachliche Diskussion in kürzester Zeit auf die emotionale Ebene und beissen sich unrettbar fest.
Doch ein anderes Bild trifft für mich das Verhältnis zwischen Kultur und Politik noch besser. Kultur und Politik sind nicht eigenständige Personen, die nach Selbstverwirklichung streben. Sie sind Teile eines ganzen Organismus. Der Organismus ist unsere ganze Gesellschaft. Kultur und Politik sind zwei Organe davon, gleichwertig neben anderen. Nur wenn der ganze Organismus unserer staatlichen Gemeinschaft und unserer Gesellschaft stark ist, entfalten sich Kultur und Politik im Dienste aller. Politik umfasst alle Ebenen der Gemeinschaft von der Gemeinde bis zum Bund und den internationalen Organisation. Mit all ihren Akteuren, seien es Mitwirkende in Gemeindeversammlungen oder Parlamenten, Verbände und Nichtregierungsorganisationen, Beratende und Regierende auf allen Stufen. Der Begriff Politik umschreibt für mich nicht anderes als die Akteure und Spielregeln, um das gemeinschaftliche Leben zu gestalten. Anderseits verstehe ich unter dem Begriff Kultur jene Lebensgestaltung, die über das Existenzminimum hinausgeht, und die unserem Leben erst eine besondere Qualität verschafft. Menschen jagten einst mit Stecken und Steinen. Die Kultur setzte ein, als sie begannen, Pfeil und Bogen zu verzieren und sich Ess- und Trinkgeschirr formten. Höhlen schützten vor Wind und Nässe, Bärenfelle und trockenes Laub vor Kälte. Erst Architektur, Möbel und Kleider machten unser Leben zum kulturellen Ereignis.
Politik und Kultur sind daher Organe im Körper unserer sozialen und staatlichen Gemeinschaft. Sie sind nicht eigenständig und Selbstzweck, sondern stehen im Dienste des ganzen, wie alle Organe: wie auch die Wirtschaft, die Erziehungs- und Sozialaufgaben, die Sicherstellung der Infrastrukturen und viele andere. In den Zeiten des Absolutismus fühlte sich – von Gott dazu berufen – der Landesherr für den ganzen Organismus verantwortlich: L'état c'est moi! In Chur und Sion war es der Bischof. Er regelte die Politik im Zusammenspiel mit den andern Mächtigen und liess Kultur schaffen. Die grossen Musiker lebten an Fürstenhäusern. Könige und Päpste rüsteten mit den besten Architekten zum Wettstreit des Prestiges. Skulpturen und Malereien wurden für Adelige geschaffen. Die Herrschenden finanzierten die Kultur, wenn sie ihren Werten entsprach. Heute sind alle Organe der staatlichen Gemeinschaft gegenseitig für das Wohlergehen der andern verantwortlich. Wenn wir bei den Paarbeispielen bleiben, sind es Politik und Kultur, Politik und Wirtschaft, aber ebenso Wirtschaft und Kultur neben vielen andern. Die Politik ist nicht der einzige Partner der Kultur, Wirtschaft und Private sind es ebenso. Systeme, wo der Staat allein die Kultur bestimmen will – wie etwa in China – sind uns heute unerträglich. Ohne das grosse Engagement der Wirtschaft und wohlhabender Privatpersonen müsste die Kultur verarmen. Ohne unzählige Mäzene und ohne das Engagement der grossen und kleinen Wirtschaft wäre selbst die reiche Schweiz arm an kulturellen Werken und Institutionen, rar wären Ausstellungen und Konzerte, Malereien, Literatur und Theater.
Da stellt sich die Frage zu Recht, ob denn der demokratische Staat die Grosszügigkeiten früherer absolutistischer Herrscher oder den Ausfall von Mäzenen (und neuerdings Sponsoren) ausgleichen kann. Nur selten gelingt es ihm, in einer Abstimmung Mehrheiten für ein bestimmtes kulturelles Projekt zu gewinnen. Zu divergierend sind Auffassungen und Stilempfinden. In meiner Erinnerung gibt es nur wenige Bespiele, wo eine Volksabstimmung in der Schweiz grosse kulturelle Investition beschloss: etwa die Anschaffung mehrerer Picasso-Bilder Ende der 60er-Jahre in Basel, oder eben das KKL in Luzern. Beispiele, wo die demokratischen Institutionen dies nicht schaffen, sind leichter zu finden. Das eingangs genannte Projekt des Schwyzer Kulturhauses ist eines, viel bekannter ist das Kongresszentrum in Zürich, wo Behörden und Bevölkerung seit Jahren erfolglos darum ringen, den Komfort der 1930er-Jahre durch ein neues zu ersetzen. Abgelehnte Kulturinitiativen kennen wir alle. Es gibt tatsächlich noch Kantone, wo der Lotteriefonds die einzige Möglichkeit der Regierung ist, Kultur zu fördern.
Volksabstimmungen über konkrete kulturelle Projekte sind darum so schwierig, weil sie sehr oft Stilfragen betreffen, die selten mehrheitsfähig sind. Zudem findet die Mehrheit unserer Bürger leichter den Zugang zu technischen Projekten und Infrastrukturanlagen als zu kulturellen Anliegen. Die beste Möglichkeit scheint mir immer noch ein kulturelles Rahmengesetz, das eine finanzielle Grundausstattung sichert, über welche entweder die Regierung oder eine Fachkommission entscheidet. Für Kulturschaffende ist dies zwar der schwierigere Weg, als einen Herrscher zu finden, der das ganze Schaffen unterstützt, wie ihn Joseph Haydn in Fürst Esterhazy fand. Doch das ist der Preis für die Demokratie, die immerhin auch etwas weniger willkürlich als absolute Monarchen ist.
Welche Beträge für die Kultur angemessen sind, vermag ich nicht mit fixen Quoten beantworten. Ich weiss aber und bin überzeugt, dass die Beträge heute häufig zu niedrig sind. Diese zu erhöhen wird mittels Dekret nicht gelingen. Aber es gelingt, wenn sich Politik und Kultur, Politiker und Kulturschaffende beide als Organe der staatlichen Gemeinschaft und Gesellschaft empfinden. Wenn sie sich bewusst sind, dass sie sich nur gemeinsam selbst verwirklichen und nur in einer positiven Rivalität positive Leistungen erreichen. Und dies nach dem Rezept der Politik, das uns Max Weber schon vor Jahrzehnten gegeben hat: Politik ist das Durchbohren dicker Bretter mit Beharrlichkeit und Augenmass.
Natürlich gäbe es auch Ideen, die grosse Feuer entzünden. Beispielsweise eine Kulturabgabe oder die Einführung fixer Kulturprozente der Staatsausgaben. Sie sind interessant, aber im Moment nicht mehrheitsfähig. Vielleicht werden sie es, wenn Sie mit Beharrlichkeit und Augenmass genügend lange bohren! Eine andere Möglichkeit wäre auch die Kulturabgabe, welche wir in Form von Radio- und TV-Konzessionen bezahlen müssen, vermehrt qualitativen kulturellen Leistungen zukommen zu lassen. Aber da sehe ich eben, dieser Satz ist ja aus einem andern Manuskript herein geraten Er gehört nicht hierher, oder vielleicht doch?
Ich schliesse und wünsche weiterhin gute Partnerschaft oder gutes Zusammenwirken von Politik und Kultur für eine starke Schweizer Gemeinschaft und Gesellschaft!
(8-2009)







