Piazza

Einladung zur Vernissage

Buchvernissage «Grosse Schweizer KleinKunst» im Casinotheater Winterthur

Montag, 13. September 2010, 19 Uhr

Talkrunde mit: Fritz Bisenz (Acapickels, Gessler Zwillinge), Jean Grädel (Schauspieler, Regisseur), Franz Hohler (alt-Kleinkünstler), Jürg Jegge (Liedermacher), Bernie Schürch (Mummenschanz), Nadja Sieger (Ursus & Nadeschkin), Andreas Thiel (Kabarettist, Satiriker), und den Autoren Peter Bissegger, Martin Hauzenberger, Manfred Veraguth

Musik: Les Papillons

Ort: Casinotheater Winterthur, Stadthausstrasse 119, 8400 Winterthur

Programm: ab 19 Uhr Apéro im Foyer, 20.00 Uhr Bühne frei, 20.45 Uhr Buchverkauf / Signierstunde im Foyer

Eintritt frei

Buchbestellungen direkt hier oder info(at)ruefferundrub.ch

Andreas Thiel

Herr Thiel & Herr Sassine gingen nach Berlin. Unsere Premiere fand in der «Brotfabrik» am Prenzlauer Berg statt. Wir hatten vier Zuschauer. Drei davon hatten ihre Eintrittskarten am Radio gewonnen. Der Vierte hatte auch nichts bezahlt. Er war Kritiker.

Zwei Tage später erschien in «Neues Deutschland» die erste Kritik: «Das war Tells Geschoss». In den folgenden zwei Wochen spielten wir noch täglich in der Brotfabrik. Die Zuschauerzahlen variierten zwischen drei und siebzehn. Es war Winter. Das Theater war so kalt, dass Jean Claude jeden Abend vor der Show die Tasten des Klaviers mit einem Fön wärmen musste.

Mit hervorragender deutscher Presse kamen wir dann zu den ersten Engagements in der Schweiz. Fredy Heller holte uns nach Basel ins Theater im Teufelhof. Die Kritik in der Zeitung war miserabel. Heller gab der Kritikerin Hausverbot: Er erwarte von einer Kritik, dass sie mindestens so gut sei wie das Kritisierte.

1998 traten wir in Morges zum ersten Mal an der Schweizer Künstlerbörse auf. In der Ausstellung stand eine weisse Stellwand mit unseren Namen drauf, von der wir nichts wussten. Dort sammelten sich nach unserem Auftritt ratlose Veranstalter, während wir hinter der Bühne den anderen Künstlern zuschauten.

Noch im selben Jahr wurde bekannt, dass wir 1999 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet würden. Wir waren glücklich.

(7-2010)

Bernie Schürch, Mummenschanz

Wir hatten genug von den weissen Gesichtern der damaligen Pantomimen – von Marceau und Fialka und all diesen Mimenkoryphäen. Zuerst versuchten wir es ebenfalls mit dieser Art von Pantomime, aber wir sahen bald, dass wir damit keinen Erfolg hatten.

Und so sagten wir damals in den 1968er-Jahren: Wir reissen die Pantomime von ihrem Sockel und täuschen nicht wie sie Realität vor. Aber selbstverständlich profitierten auch wir von den Grossen der Mime. Denn die Leute hatten durch sie festgestellt: Man kann auch einfach schauen. Das reicht. Vom Schauen bekomme ich alles.

In Paris hatte das Umdenken begonnen. Andres Bossard und ich sagten uns: Schau mal dieses Fernsehen, das saugt alle Energie aus den Menschen heraus und lässt sie leer zurück. Dem müssen wir etwas Starkes gegenüberstellen: statt Fernsehen sollen sie sich Mummenschanz anschauen.

(6-2010)

Gardi Hutter

Im Mai 1981 ist «Die tapfere Hanna» auf die Welt gekommen. Ich war damals in Italien und habe das Stück an vielen Quartierfesten, in Theatern, in Garagen, einfach überall gespielt. Nach zwei Jahren Exil dachte ich, ich könnte die Hanna doch auch in der Schweiz auf die Bühne bringen.

Damals war die Schweizer Künstlerbörse in Langenthal zu Gast und meine Bewerbung wurde berücksichtigt. Ich erinnere mich noch heute an die riesige Garderobe. Da waren etwa zehn oder fünfzehn Künstlerinnen, die sich auf den Auftritt vorbereiteten. Alle schminkten sich und wurden immer schöner, und ich schminkte mich ebenfalls und wurde immer hässlicher.

Dann hatte ich das Glück, dass vor mir ein eher langweiliges Tanztheater dran war, das die Stimmung im Publikum eher dämpfte. Als ich mit der Hanna auf die Bühne kam, wirkte das wie eine Paukenschlag. Die Leute wurden geweckt. Wenn ein Clown auf die Bühne kommt, dann muss es gleich funken, ob das Publikum Kinder oder Erwachsene seien: der Funke muss sofort springen.

Ich konnte damals an Schweizer Künstlerbörse in Langenthal nur den Anfang spielen, denn nach einer Viertelstunde wurde, wie üblich, das Licht ausgeblendet. Aber ich erhielt sofort zehn bis fünfzehn Engagements. Ich hatte natürlich noch keine Agentur und musste alles auf die Rückseite eines fotopierten Plakats notieren. Ich besass auch kein Geld und musste zuerst auf Pump ein Occasionsauto kaufen, damit ich überhaupt auf Tournée gehen konnte.

Nach diesem Auftritt an der Schweizer Künstlerbörse hatte ich mit der Zeit mehr Anfragen, als ich überhaupt je spielen konnte. Die Warteliste für Engagements war so lang, dass ich nie mehr an einer Künstlerbörse auftreten musste.

(4-2010)

Nicolas Baerlocher

Ich war ein Schwieriger am Anfang. Meine Mutter hat mich mit 19 zu erstem Mal in ein Kleintheater mitgenommen. Ins Theater am Hechtplatz in Zürich an die Eröffnungspremiere von «Eusi chliini Stadt». Die Leute haben sich blendend amüsiert und meine Mutter hat furchtbar gelacht. Nur ich, als arroganter junger Mensch, fand: «… na ja,  so wahnsinnig war das nun auch schon wieder nicht.» Ich hab ihr das auch gesagt, was sie wahrscheinlich sehr geschmerzt hat, denn sie wollte mir ja eine Freude machen.

Jahre später wurde ich angefragt, ob ich als Beamter im Präsidialdepartement der Stadt Zürich möglichst sofort das Hechtplatztheater übernehmen könne, weil mein Vorgänger einen Ruf ans Opernhaus erhalten hatte. Und ich, keck und unerfahren, sagte zu und musste damit natürlich auch bereits abgeschlossene Engagements übernehmen. Zum Beispiel den bekannten und anspruchsvollen Kabarettisten Franz Josef Bogner aus München. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Das Publikum blieb aus und die Presse reagierte zurückhaltend. Als junger und unerfahrener Theaterleiter dachte ich, dass es so nicht weitergehen könne. Ich sagte dem sehr höflichen Herrn Bogner, dass wir das Gastspiel besser abbrechen sollten. Er reagierte zurückhaltend und bat, am nächsten Tag nochmals darüber sprechen zu können.

Am nächsten Morgen erhielt ich ein Telefon von Emil Steinberger. «Herr Baerlocher, sie haben das Hechtplatztheater erst vor ein paar Tagen übernommen. Ich kenne sie nicht und will mich nicht in ihr Geschäfte einmischen, aber ich muss ihnen sagen, dass sie das so nicht machen dürfen. Ein Theater muss hinter seinen Künstlern stehen, ob es gut oder schlecht geht. Sie dürfen den Vertrag mit Herrn Bogner nicht einfach auflösen.» Das habe ich dann gemacht und bin dem Emil bis heute dankbar. Wir sind gute Freunde geblieben.

(Nicolas Baerlocher: von 1976 bis 2002 Leiter des Theaters am Hechtplatz Zürich)

(8-2010)

Ursus & Nadeschkin

Als wir 1987 unseren ersten Auftritt hatten, an der Seepromenade in Zürich, vor 20 Passanten und einem Hund, wussten wir noch nicht, dass es eine KleinKunstSzene gibt.

Heute, 23 Jahre, 3'017 Auftritte, etwa 2'036'807 Zuschauer und bestimmt auch etliche Hunde später, blicken wir für dieses Buch zurück, denn: Ursus & Nadeschkin sind in der KleinKunst gross geworden.

Wir staunten nicht schlecht, damals, 1989 an der Schweizer Künstlerbörse in Brig, wo wir zum ersten Mal einer grossen Ansammlung von Theaterleuten voller Kreativität und Enthusiasmus begegneten. Wir sassen im Publikum und waren mit unserer Leidenschaft plötzlich nicht mehr allein.

Ein Jahr später, in Olten, wagten wir selber den Sprung auf die Bühne, schwitzten um die Gunst der Veranstalter und Kollegen, gaben alles und freuten uns schliesslich wie Kinder, als unser Kurzauftritt fruchtete: unser erster eigener Spielplan mit Auftritten in Schwyz, Altdorf, Zofingen, Zug und Brig.

(9-2010)

Noch mehr? Alles über die Grosse Schweizer KleinKunst – von den Anfängen bis heute – erfahren Sie ab dem 13. September 2010 im gleichnamigen Buch von Peter Bissegger, Martin Hauzenberger und Manfred Veraguth.

Buchbestellungen direkt hier oder info(at)ruefferundrub.ch

Einladung zur Vernissage

Bewegungstheater im Gebirge

Wer hoch hinaus will, muss auch neue Wege beschreiten. So wagte das Bündner Kulturfestival Origen ein Freilichttheater auf dem Julierpass und lud auf 2'248 Meter über Meer inmitten einer imposanten Passlandschaft zu einem Gipfeltreffen zwischen der Königin von Saba und König Salomo. Ein eigenwilliges Experiment inmitten eines eigenwilligen Partners, der Natur.

Auf dem historisch bedeutsamen Grenzgrat zwischen Nord und Süd und inmitten einer exponierten Gebirgslage trotzte während drei Wochen ein temporäres Theaterhaus Wind und Wetter. Aus über 40 Tonnen Material entstand ein Ort der Begegnung. In den Zuschauerreihen empfing das Festival Origen über 4'000 Gäste in der rauen Passlandschaft und auf der Bühne begrüsste König Salomon die weit gereiste Königin von Saba.

Die künstlerischen Massstäbe des Stücks «La Regina da Saba» wurden dabei von der monumentalen Landschaft vorgegeben. Auf 2'248 Meter über Meer musste eine neue Bühnensprache gefunden werden, die sowohl der Landschaft standhielt, als auch bei den unterschiedlichsten meteorologischen Vorgaben funktionierte. Live vorgetragene Musik, Gesang und die gesprochene Sprache entfielen dadurch bereits im Vorfeld. Durch diese Reduktion blieb dem Ensemble in erster Linie nur noch die Körpersprache, die in ihrer Vielfältigkeit jedoch die Geschichte facettenreich zu erzählen vermochte. Unterstützt wurde das Spiel von den Kompositionen von Lorenz Dangel. Jede Vorstellung des Bewegungstheaters «La Regina da Saba» fiel auf Grund der Wetterbedingungen unterschiedlich aus. Von sternenklaren Nächten über Nebelschwaden, die die Bühne eroberten, bis hin zu einer verschneiten Kulisse inklusive vereister Bühne inszenierte das Ensemble jeden Abend vor einem neuen Bühnenbild. «Die Natur gestaltete sich wie ein unbekannter Schauspieler, von dem man im Vornherein nicht wusste, wie er sich verhalten wird», hält der Regisseur und Intendant Giovanni Netzer fest, und er fährt fort: «Das Stück auf dem Julierpass zu inszenieren, war ein Experiment. Ein Freilichttheater in der alpinen Landschaft bietet spannende und einzigartige Formen. Diese wollen wir auch in der Zukunft weiterentwickeln.»

Festival Origen
Das Origen Festival Cultural wurde 2005 von Giovanni Netzer gegründet und widmet sich in erster Linie der Förderung und Produktion von neuem, professionellen Musiktheater. Origen bedeutet auf rätoromanisch Ursprung, Herkunft, Schöpfung, und bekennt sich zu der dreisprachigen Kultur der Region Surses. Als erstes rätoromanisches Theaterhaus wurde 2006 die Burg Riom ausgebaut und eröffnet. 2007 erhielt Giovanni Netzer den Hans-Reinhart-Ring. Heute ist das Festival Origen mit seinen sieben Eigenproduktionen und über 120 Veranstaltungen das grösste Bündner Kulturfestival.

Annika Bangerter

(9-2010)

Drei Fragen an Tobias Bienz, Schauspieler im Stück «La Regina da Saba»

Wie hast du die Auftritte auf dem Julierpass im Allgemeinen erlebt?
Kalt (lacht). Die Theaterproduktion war für uns Schauspieler sehr intensiv. Es war von Anfang an klar, dass es etwas ganz anderes sein wird, auf dem Julierpass zu stehen, als auf einer normalen Theaterbühne. Ich erlebte dabei eine Zeit, in der eine Gruppe von Menschen ihren ganzen Körperhaushalt auf diese neunzig Minuten am Tag vorbereiteten, dann auf die Bühne, sprich auf den Grat kletterten und gemeinsam schauten, was Wind und Wetter mit ihnen und dem Stück anstellte. Das war extrem spannend, manchmal fast zu spannend in Bezug auf Blitz und Hagel.

Wie bist du mit der jeweils ungewissen Ausgangslage und der Abhängigkeit von den Launen der Natur umgegangen?
Vor jeder Aufführung herrschte eine gewisse Unsicherheit, was an dem entsprechenden Abend passieren wird. Du kannst das Wetter nicht beeinflussen, aber es beeinflusst dich. Ich habe immer gehofft, dass es zu stürmen beginnt. Dies stellte mich vor die Frage, wie viel mein Körper ertragen kann und wie ich trotz allem die Geschichte erzählen kann, die es zu erzählen gibt. Ist der Blitz draussen Todesgefahr oder perfekte Szenografıe? Die Natur gab dieses zwar einseitige, aber faszinierende Spiel vor, das die eigenen Grenzen aufzeigte.

Was verlangte die Mächtigkeit des Gebirges von euch Schauspielern in Bezug auf eure Rollen?
Vor dem Hintergrund der Passlandschaft wirkte bereits die physische Präsenz extrem effektiv. Gleichzeitig drückte das Gebirge mich aber auch schnell zu einem lächerlichen Zwerg zusammen, sobald eine überflüssige, inexistenzielle Bewegung durch meinen Körper ging. Deshalb entstand diese extrem reduzierte Bewegungssprache, in der du aber trotzdem die gleichen Emotionen verfolgst wie bei normalen Stücken. Du jagst quasi die gleiche Portion Energie durch ein viel kleineres Nadelöhr.

Interview: Annika Bangerter